Archiv | Mai, 2013

Rudolf Senglaub (*1912, † 29.Mai 1938)

29 Mai
Senglaub, Rudolf (Vater Karl), geb. 1911 in Elgersburg/Thüringen, mittlere Bildung, Tischler, 1926-1932 KJVD, kam 1932 in die UdSSR, 1932-1937 Mitglied des Komsomol, Lehrer an der Karl-Liebknecht-Schule, dann ab 1934 im Heim für Kinder der österreichischen Schutzbündler, später Mitarbeiter in einer Handwerkergenossenschaft, wohnhaft in Moskau, Bol's ˇoj Kislovskij pereulok 1/12. Verhaftet am 4. März 1938; beschuldigt der Zugehörigkeit zur faschisti-schen Organisation »Hitlerjugend«, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 17. Mai 1938 zum Tode verurteilt, am 29. Mai 1938 erschossen. Rehabilitiert am 28. Juli 1958. Bestattungsort Butovo.
Für die politische und moralische Einstellung, für das Streben und Wollen vieler der in die UdSSR exilierten und für ihr Verhältnis zur Sowjetunion steht der Brief des da-mals 26-jährigen Rudolf Senglaub. Geb. 1911 in Elgersburg/Thüringen, seit 1932 in der UdSSR, Mitglied des Komsomol, in Deutschland im Falle der Rückkehr der Verhaftung sicher, schrieb er an die deutsche Sektion der Kom-intern am 8. Oktober 1937: Die Miliz teile ihm mit, dass er bis zum 10. Okto-ber einen gültigen deutschen Pass haben müsse, andernfalls werde man ihn verhaften wegen Übertretung der Passvorschriften. – »Was soll ich machen? Ich würde schon einverstanden sein mit dem Letzten, denn ich bin doch mir gewiss, dass ich auch da noch am sozial(istischen) Aufbau aktiv teilnehmen kann. Das wäre ein Ausweg. Der andere ist ein deutsches Gefängnis… Ein Weg, der schon viel teureren Genossen den Kopf gekostet hat. Mein Ziel aber ist: noch leben und kämpfen, kämpfen für die endgültige Befreiung der Ar-beiter und Bauern der ganzen Welt. Würde man mich hier ausweisen, dann denke ich, dass mein Platz dann nur in den Reihen der heldenmütigen Spanier sein kann. Nicht Abenteuerlust würde mich dazu bewegen, sondern der hei-lige Wunsch, meine ganze Kraft dem großen Werk der rev(olutionären) Be-freiung zu widmen.« Senglaub wurde am 4. März 1938 verhaftet, aber nicht wegen Passvergehens: Er wurde der Spionage, Diversion u. ä. beschuldigt und am 29. Mai 1938 in Butovo erschossen…
 
 
Zum weiteren Hintergrund auch diese Buchbesprechung:

„Aus dem Wald in die Welt“

Ein Buch über das tragische Schicksal von Thüringer Facharbeitern in der Sowjetunion

Von Nick Brauns

Mit einem ebenso heroischen wie tragischen Kapitel sozialistischer Geschichte beschäftigt sich der Thüringer Historiker Gerhard Kaiser. Sein Buch „Rußlandfahrer“ handelt vom Schicksal jener Männer und Frauen aus dem Thüringer Wald, die in den 20er und 30er Jahren ihr Glück in der Sowjetunion suchten. Sie entflohen der Arbeitslosigkeit und dem Vormarsch des Faschismus. Aber ihre Motive waren vor allem idealistischer Art. Sie suchten die gesellschaftliche Alternative und wollten mit ihrem Fachwissen zum großen Werk des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion beitragen.

Die Solidarität mit der jungen Sowjetunion war auch unter den Arbeitern im Thüringer Wald fest verankert. In Suhl, Albrechts, Goldlauter-Heidersbach, Zella-Mehlis und vielen anderen Orten sammelten Arbeiter zu Beginn der 20er Jahre Spenden für das hungernde Russland. Im Mai 1922 schickte das Hilfsaktions-Komitee aus Suhl einen ganze Eisenbahnwaggon mit Werkzeugen nach Russland.

Ab Mitte der 20er Jahre strömten Facharbeiter aus aller Welt in die Sowjetunion. Zu den ersten aus dem Thüringer Wald gehörte der Vorsitzende der Elgersburger Genossenschaft der Thermometerhersteller. Zusammen mit 30 weiteren Kollegen half er ab 1927 beim Aufbau der sowjetischen Thermometerindustrie. Mit ihrer Hilfe konnte das Manometr-Werk in Moskau seinen Anteil am ersten Fünfjahresplan erfüllen.

Die meisten der Facharbeiter aus dem Thüringer Wald, die häufig mit ihren ganzen Familien in die Sowjetunion gingen, waren Mitglieder oder Sympathisanten der KPD. In vielen Orten des Thüringer Waldes überflügelte die KPD die SPD bei Wahlen und zusammen verfügten die Arbeiterparteien häufig über eine absolute Mehrheit in den Kommunalparlamenten. Dieses Milieu prägte auch die Russlandfahrer. „Sie suchten und erwarteten gleiche politische Reche und Pflichten für alle ohne Rücksicht auf die ethische Herkunft und Zugehörigkeit; keinerlei soziale Hürden sonder umfassende soziale Sicherheit für sich und die Familie; gleiche Rechte für Mann und Frau, uneingeschränkten Zugang zu unfassender Bildung für jedermann; menschenwürdige Wohnungen, solidarische und gleichberechtigte Beziehungen untereinander ohne Rücksicht auf die Herkunft.“ Diese Ideale waren ihre Messlatte für das neue Russland, das in seiner Verfassung diese Rechte garantierte. Die Wirklichkeit war häufig desillusionierend. Verträge wurden durch die Betriebsleitungen gebrochen und das niedrige kulturelle und soziale Niveau irritierte die deutschen Arbeiter. Der Dichter Maxim Gorki ermahnte die ausländischen Arbeiter daraufhin, sie könnten keine besseren Lebensverhältnisse für sich erwarten, wie für die Mehrheit der russischen Bevölkerung.

Trotz aller Widrigkeiten blieben die meisten Thüringer Facharbeiter im Land und gaben ihr Bestes für die neue Heimat. Vielfach nahmen sie nach einiger Zeit die sowjetische Staatsbürgerschaft an, insbesondere, nachdem die Machtübernahme der Faschisten in Deutschland eine Rückkehr unmöglich machte.

Doch nun begann die Tragödie der ausländischen Arbeiter in der UdSSR. Als Mitte der 30er Jahre die Großen Säuberungen in der KpdSU einsetzten, waren auch sie unter den Opfern. Mehrfach zwangen die sowjetischen Behörden auch Thüringer Arbeiter, die aus der Partei ausgeschlossen worden waren, in das faschistische Deutschland zurückzukehren, wo sie von der Gestapo schon erwartet wurden.

1938 fielen viele deutsche Arbeiter in der Sowjetunion der vom NKWD provozierten operative Mission „Hitlerjugend“ zum Opfer. Eine Weisung des Politbüros verlangte das Aufspüren von Gestapospionen. Der NKWD erklärte nun, dass vor allem unter den deutschen Arbeitern in Moskau ein Agentennetz existiere. Nikolai Jeschow, Volkskommissar des Inneren, forderte den NKWD auf: „Macht mit diesen Leuten keine Umstände. Ihre Verfahren werden wie nach dem Bilderbuch ablaufen. Beweist, dass diese Letten, Polen, Deutsche u.a., wenngleichen Mitglieder der KPDSU (B), Spione und Diversanten sind.“

Die willkürlichen Festnahmen trafen auch langjährige Kommunisten wie den Thüringer Facharbeiter Erich Rippenberger aus Albrechts oder den ehemaligen Lehrer des Rote-Hilfe-Kinderheims in Elgersburg, Rudolf Senglaub. 39 deutsche Arbeiter wurden nach erpressten Geständnissen zum Tode verurteilt, 21 kamen in den Gulag. Heute erinnert in Butowo bei Moskau ein Gedenkstein an die Hinrichtung von 20.765 Menschen an diesem Ort während des großen Terrors. In den Massengräbern liegen auch die Knochen von Rippenberger, Senglaub und weiterer Thüringer, die in die Sowjetunion kamen, um eine bessere, sozialistische Gesellschaft zu erbauen. Als angebliche deutsche Spione wurden diese Antifaschisten am 28. und 29. Mai 1938 erschossen. Die Familien der Erschossenen kamen entweder ins Arbeitslager oder wurden an die Gestapo ausgeliefert. Gerhard Kaiser hat diese tragischen Schicksale anhand exemplarischer Untersuchungen einzelner Familien vorgenommen.

Bei der ersten Vorstellung des von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Buches Mitte April in Elgersburg fragten viele ältere Genossen bestürzt, warum Kommunisten gegenüber anderen Kommunisten so handeln konnten. „Macht, Karriere, Pfründe“ führt Kaiser als Erklärung an und bringt das bekannte Marx-Zitat, dass in einem Sozialismus ohne die notwendige materielle Grundlage die kapitalistische Vergangenheit als Erbsünde bleibe und „die ganze alte Scheiße von vorne beginnt“.

Kaisers Fazit über die Thüringer Russlandfahrer fällt optimistischer aus: „Keine und keiner ging jemals von der Fahne. Sie zeigten sich auf jedem Platz, auf den sie das von ihnen gewählte Leben stellte, in Betrieben und an der Front aufopferungsvoll, uneigennützig, selbstlos. Ihr Leben und Ihr Kampf verdienen kritischen Respekt.“

Gerhard Kaiser: Rußlandfahrer – Aus dem Wald in die Welt, WAGE-Verlag, 2000, 260 S., DM 15,-, ISBN: 3-9805273-7-

WAGE-Verlag 18195 Tessin, Am Tannenkopp 15; Tel/Fax: 038205-12902/12901

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ANTES, KURT * 24.5.1906, † 1.3.1942

23 Mai
Geboren am 24. Mai 1906 in Ottweiler/Saar, Arbeiter. Er war seit 1926 in der KPD aktiv und soll im illegalen Apparat der KP-Saar tätig gewesen sein. Antes kam im August 1930 in die Sowjetunion und arbeitete als Hauer in den Kohlegruben des Donezbeckens. Von 1933 bis Dezember 1934 studierte er an der Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens (KUNMS), einer Kaderschule, und arbeitete anschließend als Referent beim EKKI in Moskau. 1937 als angeblicher Neumann-Anhänger vom NKWD verhaftet und am 8. Januar 1938 aus der UdSSR nach Deutschland ausgewiesen. Hier kam er ins KZ Buchenwald. Kurt Antes starb am 1.März 1942 im KZ Neuengamme an Fleckfieber.
 

Ausstellung in der Gedenkstätte ‚Deutscher Widerstand‘ über in der UdSSR ermordete deutsche AntifaschistInnen

13 Mai
»ICH KAM ALS GAST IN EUER LAND GEREIST…«

Deutsche Nazigegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933 – 1956

Die Ausstellung zeigt Lebensläufe meist unbekannter Deutscher – Vertragsarbeiter, Architekten, Mediziner, Künstler, Journalisten, Polit-Emigranten (Frauen unter ihnen inbegriffen) – die um 1933 als Arbeitssuchende oder politisch Verfolgte in die Sowjetunion kamen. Dort, dem Land ihrer Träume und Hoffnungen, fielen sie ab 1936 dem staatlichen Terror unter Stalin zum Opfer. Dem ist auch geschuldet, dass die Rückkehr der doppelt Verfolgten in ihre Heimat gleich nach 1945, dem Ende von Krieg und Faschismus, willkürlich bis Mitte oder Ende der 1950er-Jahre hinausgezögert wurde.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Familienbiografien. Er trägt dem Umstand Rechnung, dass die Immigranten mit ihren Angehörigen, meist Ehefrauen und Kindern, ins Gastland kamen oder dort Familien gründeten. Von der Terrorwelle wurden alle hier porträtierten Familien erfasst: Ob in Straflager deportiert, vom NKWD ermordet, unter Zwang in Kinderheime gebracht oder auf lange Jahre nach Sibirien und Kasachstan verbannt – die Familienschicksale gleichen mehrfach zerrissenen Lebenslinien. Geblieben sind oft lebenslange Traumata von Trennung und Verlust, verstärkt durch verordnetes oder selbst auferlegtes Schweigen bis zur politischen Wende 1989.

Die zweisprachige Ausstellung (deutsch und russisch) erzählt auf 15 Familientafeln in Wort und Bild ihre Geschichten. Die Mehrzahl der Familien kam aus Berlin, fast die Hälfte hatte jüdische Familienmitglieder. Ergänzt werden die Familienporträts durch vier Tafeln mit Informationen zu historischen Hintergründen des Staatsterrors. Die Exponate basieren auf bisher unbekannten Materialien aus Familienbesitz sowie Dokumenten aus deutschen und russischen Archiven. Gesammelt und aufbereitet wurden sie von Hinterbliebenen der Opfer und spezialisierten Historikern – Initiatoren eines 2008 gegründeten Arbeitskreises zum Gedenken an die im sowjetischen Exil verfolgten deutschen Antifaschisten unter dem Dach der Berliner VVN-BdA.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Karl Radek, * 31. Oktober 1885, † vermutlich 19. Mai 1939

12 Mai
Karl Radek (russisch Карл Бернгардович Радек/Karl Berngardowitsch Radek, gebürtig Karol Sobelsohn; Pseudonyme Parabellum und Struthahn; * 31. Oktober 1885 in Lemberg, Galizien; † vermutlich 19. Mai 1939 in Werchneuralsk, Sowjetunion) war ein kommunistischer Politiker und Journalist, der in Polen, Deutschland und der Sowjetunion wirkte.
 
 
Herkunft
Radek stammt aus einer österreichisch-ungarischen jüdischen Familie, er selbst sah sich als Atheist. Seine Familie orientierte sich an der deutschen Kultur, weshalb zuhause Deutsch gesprochen wurde. Jedoch hatte Radek bereits als Schüler Kontakt zur polnischen Arbeiterbewegung und schrieb auch für polnische Zeitungen. Jiddisch lernte Radek nach eigenen Angaben erst als Erwachsener und „mehr aus Jux“.

Zwischen Deutschland und Russland
Radek gehörte anfangs zu den führenden Politikern in der polnischen und deutschen Sozialdemokratie. Nach der russischen Revolution von 1905 wurde er, im Alter von 20 Jahren, wegen seiner Radikalität aus der sozialistischen Partei Polens ausgeschlossen. Wegen seiner Beteiligung an der Revolution inhaftierten ihn die russischen Behörden für ein Jahr. 1907 emigrierte Radek nach Deutschland, wo er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei wurde.
Dort eroberte er sich ab 1908 als geist- und kenntnisreicher Journalist, insbesondere auf dem Gebiet der Außenpolitik, eine führende Rolle in der sozialdemokratischen Presse. So redigierte oder schrieb er für die Bremer Bürgerzeitung, die Leipziger Volkszeitung, die Dortmunder Arbeiterzeitung sowie die damalige SPD-Parteizeitschrift Neue Zeit.
Obwohl er anfangs mit Rosa Luxemburg gemeinsam den äußeren linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie im Kampf gegen die gemäßigteren Richtungen gebildet hatte, entwickelte er sich zu ihrem Kritiker und schloss sich nach seinem Ausschluss aus der SPD (1912) schon vor dem Ersten Weltkrieg dem späteren Gründer der SU, Lenin an und war einer seiner Vertrauensleute im Schweizer Exil. Er war weiter publizistisch auf Deutsch tätig, vor allem in der Berner Tagwacht erschienen seine Artikel (unter dem Pseudonym Parabellum), die sich gedanklich in eine Reihe mit den Schriften Lenins, Trotzkis und Sinowjews stellten, aber wegen ihrer gefälligeren Form weit größere Beachtung fanden.
Vom 5. bis zum 8. September 1915 nahm er als Vertreter der polnischen sozialdemokratischen Partei an der Zimmerwalder Konferenz teil. Hier trafen sich die radikaleren Vertreter der sozialistischen Parteien erstmals seit Kriegsausbruch wieder, um von den sozialistischen Parteien zu fordern, in ihren jeweiligen Ländern die Zustimmung zu weiteren Kriegskrediten zu verweigern. Radek unterschrieb dabei auch Lenins radikaleres Zusatzprotokoll, in dem dieser forderte, den kapitalistischen Krieg in einen Krieg gegen den Kapitalismus umzuwandeln.
In der Zeit der russischen Revolution redigierte Radek in Stockholm die Zeitschrift Der Bote der russischen Revolution und später (1917–1918) das Petersburger Blatt Der Völkerfriede sowie das Moskauer Blatt Die Weltrevolution, die beide in deutscher Sprache zum Zweck der Antikriegs-Propaganda erschienen. Radek war auch einer der Teilnehmer der berühmten Fahrt Lenins im verplombten Eisenbahnwaggon auf der Rückkehr durch Deutschland und Schweden nach Russland. Er wurde in Folge unter anderem Sekretär für Deutschland im Exekutivkomitee der Komintern und war 1918 Delegierter bei den Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion, die zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk führten.
 
Vom Moabiter Salon zum Komintern-Vertreter
Ende 1918 reiste er illegal nach Deutschland ein, um zu sondieren, ob die sowjetischen Bolschewiki von dort Unterstützung erwarten könnten. Er wurde jedoch am 12. Februar 1919 verhaftet, mit dem Vorwurf der „Beihilfe zum Spartakusputsch, Aufreizung und Geheimbündelei“. Nach seiner Verhaftung wurde ihm von der Sowjetunion nachträglich ein diplomatischer Status als Botschafter der Ukraine gegeben, um sein Leben zu schützen. Dies erschien notwendig, da zu dieser Zeit einige der führenden Kommunisten – wie Rosa Luxemburg – in Deutschland nach ihrer Gefangennahme ermordet worden waren.
Radek erhielt bald die Erlaubnis, in der Haft im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit zu arbeiten. Er legte sich dafür eine Bibliothek an, für die ihm eine weitere Gefängniszelle zugewiesen wurde. In diesem „Moabiter Salon“ empfing er deutsche Politiker, Journalisten und Intellektuelle. Dazu gehörte auch die Begegnung mit dem Wirtschaftsführer Walther Rathenau von der AEG, dem späteren deutscher Außenminister. Beide erkannten, trotz unterschiedlicher Standpunkte und persönlicher Abneigung, dass ihre Staaten gemeinsame Interessen hatten. Damit war eine Grundlage für den Vertrag von Rapallo geschaffen.
 
Ende Januar 1920 kehrte Radek nach Moskau zurück, wo er nun als Deutschlandspezialist galt. Schon im Dezember des gleichen Jahres nahm er als Vertreter der Komintern am Parteitag der deutschen KPD teil, auf dem sich der linke Flügel der USPD der Partei anschloss (vgl. VKPD). Diese war nun mit 350.000 Mitgliedern die erste kommunistische Massenpartei außerhalb der UdSSR. Als Vertreter der Komintern unterstützte er auch nachdrücklich den Hamburger Aufstand der KPD (1923). Die Politik der SPD-Regierung wurde von ihm dagegen als „Sozialfaschismus“ bezeichnet.
Radek gilt als wichtigster Vertreter einer neuen Linie der KPD, die 1923 unter starkem Bezug auf patriotische Themen, die „proletarisierende Mittelschicht“ für sich zu gewinnen suchte. Nach einer Rede, die Radek am 20. Juni 1923 auf dem 3. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) hielt, und in der er Bezug auf Albert Leo Schlageter nahm, einen von der deutschen Rechten verehrten, von den Franzosen während der Ruhrbesetzung hingerichteten Freikorpsler, wird diese neue Politik auch als „Schlageter-Linie“ bezeichnet. Weniger der Inhalt als der Ton der Rede gelten als neu, weil die „Faschisten“ direkt angesprochen werden, und Schlageter lyrisch als „Märtyrer des deutschen Nationalismus“ gewürdigt wird. Radek sprach − bezugnehmend auf den Titel eines Romans Friedrich Freksa − von Schlageter als einem Wanderer ins Nichts, wenn man den „Sinn seiner Geschicke“ nicht verstehe. Gegner Radeks in der KPD, darunter etwa Ruth Fischer haben die Rede als Beleg angeführt, Radek habe eine Einheitsfront zwischen deutschen Nationalisten, der Armee und der Kommunistischen Partei angestrebt. Louis Dupeux betont dagegen, Radek und die Führung der KPD hätten mit der „Schlageter-Linie“ eine großangelegte Strategie entwickelt, um über die Einheitsfront hinaus die Mittelschicht und damit endlich eine breite Mehrheit für die Revolution zu gewinnen.
1925 wurde Radek – aus den ersten Reihen der politischen Macht bereits ausgeschlossen – erster Rektor der im November ausschließlich für chinesische Studenten – Angehörige der Kommunistischen Partei Chinas sowie der Kuomintang – eröffneten Sun-Yatsen-Universität in Moskau.
 
In den 1920er Jahren gehörte Radek als Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU (bis 1924) zur Opposition um Trotzki, wurde 1927 aus der Partei ausgeschlossen und nach Sibirien verbannt. Nach der Rückkehr und seiner „Selbstkritik“, d. h. der willenlosen Unterwerfung unter die offizielle Linie der Partei 1929, war er als international geschätzter Journalist (Redakteur der Iswestija 1930–37) und Kulturfunktionär tätig. 1934 gab ein Prawda-Artikel von Radek das Startsignal zur Vergöttlichung Stalins.
1937 wurde Radek als Anhänger Trotzkis im zweiten Moskauer Schauprozess angeklagt. Im Prozessverlauf versuchte er auf versteckte Weise anzudeuten, dass er trotz seiner scheinbaren Geständnisse kein Verräter sei. So erinnerte er den Staatsanwalt Wyschinski daran, dass die Anklage einzig auf seiner Aussage beruhe und erwähnte in Folge auch „andere Absprachen“. Es wird vermutet, dass es diese Absprachen waren, die ihm ein Todesurteil ersparten. Radek wurde schließlich im Februar 1937 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.
Seither ist er verschollen. Nach einer unbewiesenen Angabe wurde er 1941 in Moskau gesehen, offiziellen Angaben zufolge aber am 19. Mai 1939 im Lager Werchneuralsk im Südural von einem kriminellen Mitgefangenen erschlagen. Erst in der Perestroika-Zeit wurde Radek 1988 rehabilitiert.
 
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