Archiv | Juni, 2013

Angela Rohr, (* 5. Februar 1890 in Znaim, Mähren; † 7. April 1985 in Moskau

30 Jun
 
Angela Rohr, geboren 1890, gestorben 1985 in Moskau, ist für mich eine Symbolfigur, warum es einen Grundbedürfnis menschliche Zivilisation sein muß, an die Millionen Opfer sowjetischer Gulags zu erinnern. Sie war befreundet mit Rainer Maria Rilke, beschreibt begeistert wie sie Lenin bei der Abreise aus Zürich die Hand reichte, erhält ein Stipendium von Siegmund Freud zur Heilung ihrer lebensbedrohlichen Tuberkulose, übersiedelt mit ihrem dritten Mann dem KPD-Mitglied Wilhelm Rohr nach Moskau, berichtet von dort literarisch beachtliche und authentische Artikel über die junge Sowjetunion, wird wie so viele Deutsche nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion verhaftet, ihr Mann stirbt schnell im Lager, Bertolt Brecht setzt sich erfolglos für ihre Freilassung ein, sie überlebt nur weil sie Ärztin ist. Im Schriftwechsel und einer Begegnung mit dem Präsident des sowjetischen Schriftstellerverbandes, Fedien, setzt sie sich erfolglos für die Veröffentlichung ihrer Literatur ein, bleibt bis zu deren Tod freundschaftlich verbunden mit Sonja Liebknecht, der Witwe von Karl Liebknecht. Und stirbt wenige Jahre vor der Perestroika, 1985 einsam, aber nicht verbittert in Moskau.
Der SPIEGEL schrieb am 21.06.2010 über sie
Das Nagelbrett der Revolution
Von Schmitter, Elke
Ein Jahrhundertleben und ein Jahrhundertwerk: Die Dichterin Angela Rohr war eine Bohemienne des frühen 20. Jahrhunderts und literarische Zeugin des sowjetischen Gulag. Nun wird sie 25 Jahre nach ihrem Tod endlich entdeckt. Von Elke Schmitter
Am 29. Mai 1941 schreibt der Genosse Brecht einen Brief. Auf dem Weg ins amerikanische Exil macht er in Moskau Station und erinnert sich freundlich der Frau, die ihn sechs Jahre zuvor in dieser Stadt, als er grippekrank daniederlag, medizinisch behandelt hat. „Lieber Genosse Fedin“, heißt es auf dem Brecht-typischen feinen Durchschlagpa-pier in der Notiz an den kulturpolitisch mächtigen Schriftsteller Konstantin Fedin über „Genosse Angela Rohr“, sie „möchte Ihnen gerne begegnen und Ihren Rat hören. Bitte, helfen Sie ihr doch so gut Sie können! Mit herzlichen Grüßen Ihr Bertolt Brecht“.
Es herrscht, auch nach der „Großen Säuberung“, immer noch Terror in der Sowjetunion. Nächtlich klopft es an Türen, und dahinter sitzen Männer und Frauen, in Angstschweiß gebadet und oft einen kleinen Koffer neben sich. Sie haben noch am Tag zuvor als Parteisekretär, als Lehrerin oder Ingenieur ihren Dienst für das Volk versehen. Der Abschied ist fast immer gleich: „Es ist ein Missverständnis“, sagen sie ihrer Olga, ihrem Jurij und den verschreckten Kindern, „es wird sich aufklären.“ Aber in unzähligen Fällen klärte sich nie etwas auf. Mindestens zwölf Millionen Menschen kamen Schätzungen zufolge im sowjetischen Gulag ums Leben.
Der Überfall der deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 ist ein willkommener Vorwand, den inneren Terror noch einmal zu verstärken. „Spione“ aller Art verschwinden in Gefängnissen und Lagern. Am 28. Juni erwischt es auch „Genosse Angela Rohr“, seit 16 Jahren in der Hauptstadt ansässig: Verhaftung und Überstellung in die Lubjanka, damals wie heute die Zentrale des Geheimdienstes, und dann erst mal in einen Zug, mit Hunderten, die das gleiche Schicksal erleiden. Verurteilung zu fünf Jahren Haft, Lager in Sibirien und schließlich Entlassung als „ewig Verbannte“. Das kleine Schreiben Brechts hat leider nicht geholfen.
Doch es führte die Germanistin Gesine Bey 64 Jahre später auf eine richtige Spur. „Ich wusste nicht, was sich alles hinter dem einen Namen verbarg“, schreibt sie in ihrem Nachwort zu der Textsammlung, die jetzt erschienen ist und ebendas bedeutet, was so oft behauptet wird und so selten ist: eine literarische Sensation(*1).
Der Name Rohr gehört in jenes Firmament von Schrecken und Schönheit, dessen Fixsterne Franz Kafka und Primo Levi, Jorge Semprún und Warlam Schalamow heißen. Angela Rohrs Stern ist kleiner, weil ihr Werk so viel schmaler ist. Aber er leuchtet in der gleichen hellen Unerbittlichkeit.
Bey, 57, war 2005 nach Moskau gereist, um den Brief Brechts, der in Fedins Nachlass lag, unter die philologische Lupe zu nehmen; unversehrt nach all der Zeit. Erst nach und nach fand sie heraus, dass die Ärztin, die Brecht kurierte, identisch war mit der Expressionistin Angela Hubermann, Autorin der Berliner Zeitschrift „Die Aktion“, mit der Dadaistin Angela Guttmann, mit der Feuilletonistin Angela Ror der „Frankfurter Zeitung“, schließlich mit jener Helene Golnipa, von der 1989 postum der autobiografische Roman „Im Angesicht der Todesengel Stalins“ in Österreich erschienen war.
Acht Namen trug diese Frau insgesamt: Ehenamen, Künstlernamen, literarische Pseudonyme. Mindestens ebenso viele Leben hat sie gelebt: als Dichterin und Reporterin, als Ärztin und als Studentin der Psychoanalyse, als Häftling und als „ewig Verbannte“, als medizinische Forscherin und schließlich als Sekretärin ihres Lebens, dessen postume Erforschung einer detektivischen Suche gleichkam.
Geboren im mährischen Znaim am 5. Februar 1890, gestorben am 7. April 1985 in Moskau. Drei Ehen, davon vermutlich eine Scheinheirat. Wohnsitze – wenn man die Pritschen dazu zählen will – in Wien, Triest und Paris, in Genf, Zürich, Locarno, Berlin, in Moskau, im Gefängnis von Saratow an der Wolga, in den Lagern Nischni Tagil und Tawda. Schließlich wieder in Moskau, die letzten 24 Jahre in einer Gemeinschaftswohnung am Gogol-Boulevard. Vertraute Rilkes, Schülerin des Psychoanalytikers Karl Abraham, Freundin der Liebknecht-Witwe Sophie. Eine intellektuelle Pionierin wie Lou Andreas-Salomé, eine Bohemienne wie Fanny Gräfin zu Reventlow und eine Chronistin des Gulag. Ein Jahrhundertleben und ein Jahrhundertwerk.
„Es war zu Anfang des letzten Krieges, als eine hohe Behörde aus unerfindlichen Gründen beschloss, die Menschen jeder möglichen Tätigkeit zu entziehen, sie stillzulegen. Sie konnte aber dieses, gewiss zu ihrem Bedauern, nicht ganz ausführen, denn die Gefängnisse reichten dazu nicht aus. Was sie aber tat, das war immerhin ein Versuch dieser Art, der uns dann, die wir etwas damit zu tun hatten, die wir einbezogen waren in diesen Plan, zu ganz ungeahnten Erlebnissen und einfach allzu oft zum Tode führte.“
So beginnt die Erzählung „Der Vogel“, in der Rohr auf 37 Seiten den Auftakt zu ihrer Lagerzeit beschreibt: bürokratisch kühl. In Satzlabyrinthen, die das Verwirrende und Undurchschaubare des Systems und dessen Zurückweisung jeder menschlichen Regung offenbaren wie eine sprachliche Notwehr. Für eine Autorin, die als Expressionistin angefangen hat, scheint das ein weiter Weg. Doch schon in ihren ersten Publikationen, so zeigt es die Sammlung Beys, bändigte Rohr jeden Überschwang, der aus den einzelnen Worten kommt, mit elliptischer Härte. „Geheimnisse, wie große Katzen, laufen geduckt und leicht durch die Menschen.“ So hieß es, 1914, in Paris. Jetzt, 1941, laufen die Geheimnisse um die Menschen herum.
Die Gefängnisse sind überfüllt, sie geben lediglich Durchgangsstationen ab für die Kolonnen von „Volksfeinden“ und „Verrätern“, die seit den zwanziger Jahren, so hat es die hohe Behörde beschlossen, dort zu arbeiten haben. Ihre „Stilllegung“ gilt nur für die sowjetische Gesellschaft, aus der sie so lautlos wie möglich entfernt worden sind. „Tätigkeit“ gibt es im Lager genug: mit Schaufel und Spaten, beim Holzfällen im Wald und in den Gruben, aus denen Erz und Kohle gefördert wird. Bevor es aber dazu kommt, hat die hohe Behörde die Farce einer juristischen Behandlung verordnet, also: das Untersuchungsgefängnis.
Hier sitzen die Frauen und warten. „Wir hörten Bombeneinschläge, besonders in der Nacht, es war der erste Kriegsmonat. Merkwürdigerweise nahmen die Frauen dieses nicht weiter übel, sie hörten nur nachlässig darauf hin. Sie weinten aber stundenlang, ich möchte sagen ,privat', und verwendeten ebenso viel Zeit, einander ihre Schicksale zu erzählen, die immer nur einen Ausklang hatten, nämlich: dass sie unschuldig seien.“
Unschuldig ist auch Angela Rohr. Doch diese Unschuld beschäftigt sie nicht, denn schneller als andere hat sie gelernt, dass, einmal im Gulag gefangen, nur noch die Gegenwart zählt. Für Vorgeschichte, für Hoffnung und Erinnerung ist kein Platz in diesem nackten Leben, dem alles entzogen ist, sogar der Sinn für die Zeit.
Wichtig ist allein das Überstehen des allernächsten Augenblicks. Nach der Vergangenheit fragt nur der vernehmende Mann in Uniform, und der gibt unlösbare Rätsel auf. „Waren wir früher alle Spione gewesen, so hatte man uns schon längst zu Landesverrätern erhöht, obwohl ich den Unterschied zu diesen nie recht begreifen konnte. Sie, die Landesverräter, wurden hier in zwei Gruppen eingeteilt, in solche, die dieses Gewerbe schon vor dem Krieg betrieben haben sollten, und die anderen, die erst zu seinem Anfang damit begonnen hatten. Die zweite Gruppe war in einer recht schwierigen Lage, da sie bereits zu Beginn des Krieges verhaftet worden war und nun nicht wusste, wo sie die Zeit zu ihrem Verbrechen hernehmen sollte.“
Stolz, Ironie und Selbstmitleidlosigkeit müssen Angela Rohr befähigt haben, das Gefängnisjahr zu überstehen. Sie schreibt von der Kasernierung in dunklen Zellen, zu eng, um die Glieder zu strecken; sie schreibt von der immerwährenden Kälte und von dem Gestank, den zusammengepferchte Frauen, durchfallkrank und von Läusen und Milben besiedelt, mit jeder Pore ausdünsten und mit jedem Atemzug inhalieren. Sie schreibt vom Hunger und davon, was er bewirkt, immer mit großer Genauigkeit und doch als Erfahrungsdestillation: Literatur. „Es ist nicht leicht zu verstehen, wie sich die Menschen dazu verhalten. Es gab da gefühlsmäßig Hungernde, die jede und auch die geringste Zeit damit ausfüllten, ihn zu empfinden. Das waren die Gefährdeten, die dann auch daran zugrunde gingen. Andere aber hatten die Kraft, die Gedanken von dem Hunger abzuwenden, sie trugen ihn wie eine Krankheit, mit der man sich einigen muss, derer man endlich Herr werden kann.“
Die Gefährdeten, wenn sie denn reden, sprechen am liebsten vom Essen. Eine Zellennachbarin „lebte nur in der Erinnerung an eine Nusstorte“. Immer wieder will sie von der Erzählerin wissen, welche Zutaten man wohl braucht. Die denkt sich aus, was ihr plausibel erscheint, denn sie selbst hat zwar schon Nusstorte gegessen, sie aber nie selber hergestellt. „Dieses meiner Nachbarin anzuvertrauen wäre ganz sinnlos gewesen, sie hätte es mir nicht geglaubt. Ich zählte ihr deshalb alle Dinge auf, die man vermutlich dazu verwenden konnte. Manchmal schwieg sie dann eine lange Zeit, es kam aber auch vor, dass sie mich unmittelbar danach fragen konnte: ,Entschuldigen Sie, wie viel Eier haben Sie genommen?' Ja, besonders die Eier hatten es ihr angetan.“
Die Szene, in der eine Wärterin ein faustgroßes Stück Zucker auf den Tisch in der Gemeinschaftszelle der Ausgehungerten legt, gehört zum Entsetzlichsten, was jemals beschrieben worden ist. Wie teilt man einen steinharten Klumpen, wenn es kein Messer gibt, kein Holzscheit und keinen Ziegel? Eine Gefangene bietet sich an mit ihrem noch tadellosen Gebiss; sie kann den Klumpen zerteilen. Aber schon dabei, das ist den Umstehenden klar, nimmt sie über den Speichel Genuss und Kalorien auf, selbst wenn sie, wie es dann geschieht, sofort wieder ausspuckt, was sie zerbissen hat. Und doch hält die unfreiwillige Gemeinschaft von Gläubigen und Atheistinnen, von Analphabeten und Gebildeten, von „Politischen“ und Kriminellen, eine strenge, abwartende Disziplin, bis eine „unbekannte, namenlose Hand“ ein paar Krümel vom Tischbrett klaubt. „Ohne Zeitverlust begann danach ein Angriff fast aller auf alle.“
Bis die Soldaten kommen und mit Verachtung für das sorgen, was die Behörde Ruhe nennt. Nicht der Hunger, aber die archaische Reaktion einer Verhungernden hat für den Zusammenbruch der provisorischen Zivilisation gesorgt.
Angela Rohr überlebte das Lager mit dem ethnologischen Blick, den sie schon lange eingeübt hatte – als Künstlerin und als Medizinerin.
Da sie, um dem familiären Regime in Wien zu entkommen, als 18-Jährige durchgebrannt war, fehlte ihr die Matura und damit die Möglichkeit zum regulären Studium. Trotzdem besuchte sie in Paris, um 1914, medizinische Vorlesungen und schmuggelte sich in den Anatomiesaal. Als sie ab 1920 in Berlin am Psychoanalytischen Institut studierte, gab sie sich als promovierte Ärztin aus.
Ihre Begabung fiel auf. Als sie an Lungentuberkulose erkrankte, schlug Abraham, Leiter des Instituts, Sigmund Freud eine Kur für die Patientin auf Kosten der Psychoanalytischen Gesellschaft vor: „Durch rasches Eingreifen können wir der Psychoanalyse eine wirklich wertvolle Arbeitskraft sichern, ganz abgesehen von der humanen Seite der Sache.“ Freud stimmte zu, und so absolvierte sie eine Liegekur, die offenbar erfolgreich war: Der österreichische Diplomat Hans Marte, der die vitale 87-Jährige Ende der siebziger Jahre in Moskau besuchte, sprach von dem „stets gefüllten Aschenbecher“ auf ihrem Tisch.
Am Institut in Berlin lernte Angela Hubermann ihren dritten Mann kennen, Wilhelm Rohr. Er war Mitglied der KPD und gehörte zu den Intellektuellen, die das große Experiment einer egalitären Gesellschaft aktiv unterstützen wollten. Mitte der zwanziger Jahre übersiedelte er nach Moskau und holte Angela nach. Während sie biologisch forschte und für deutsche Zeitungen Feuilletons und Reportagen schrieb, loyal, aber nicht propagandistisch, arbeitete er an der historisch-kritischen Marx-Engels-Ausgabe und später als Fotograf.
Die Rohrs wurden kurz nacheinander verhaftet. Mitte der dreißiger Jahre war Angela Rohr schon einmal durch eine Denunziation bedroht; damals setzte Johannes R. Becher sich noch erfolgreich für sie ein. Nun konnte selbst Brecht nicht mehr helfen.
Wilhelm Rohr starb vermutlich 1942 im Gefängnis Saratow, wo auch sie inhaftiert war. „Unser Stockwerk hatte nur ein Klosett, das abwechselnd von Männern und Frauen benutzt wurde und das deshalb ein Ort war, an dem wir hoffen konnten, etwas von Mitgefangenen, Angehörigen zu erfahren.“ Vielleicht ist ihr selbst passiert, was sie beschreibt, „eine Frau fand den Namen ihres Mannes an der Wand“.
Sie überlebte das Lager, weil sie, eine brauchbare „Spezialistin“, dem Arbeitsdienst enthoben war. Sie kutschierte als Taiga-Ärztin durch die Nacht, auf dem Weg zu einer Entbindung, als sie hinter sich Wölfe hörte. „Es war entsetzlich und komisch zugleich, dass ich gerade jetzt der ,höchsten Behörde', vielleicht aber nur der Person, die sie darstellte, gedachte, die so enge Beziehungen zu den Wölfen haben musste, dass sie ihre Opfer ihnen zum Fraße vorwarf.“
Als sie wieder nach Moskau kam, war sie 67 Jahre alt, „rehabilitiert“ und mit einer kleinen Rente versehen. Sie traf ihre Freundinnen Sophie Liebknecht und Selma Ruoff wieder, Letztere eine Gulag-Überlebende wie sie. „Alle drei“, so Bey, „waren sie ältere Frauen, die unauffällig durch die Straßen Moskaus und Leningrads liefen, aber untereinander kein Blatt vor den Mund nahmen, weil sie wussten.“ In der Gesellschaft des Schweigens oder der „Flüsterer“, wie der britische Historiker Orlando Figes diese sowjetische Epoche charakterisiert, begann Rohr wieder zu schreiben.
„Diese Prosa“, hatte Rilke von ihren frühen Texten geschwärmt, sei „von der größten, ja, für eine Frau, großartigsten Bedeutung“. Dass aber, was sie nun zu formulieren begann, in der Sowjetunion unerwünscht war, lag auf der Hand. Verglichen mit ihren Erzählungen nimmt sich „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, Solschenizyns 1962 erschienener bahnbrechender Gulag-Roman, wie eine Jugendherbergskoje neben einem Nagelbrett aus. Noch einmal schrieb sie an Fedin, inzwischen Vorsitzender des sowjetischen Schriftstellerverbands. Er schickte Texte an die Kollegen in Ost-Berlin. Ein großer hellbrauner Briefumschlag mit Erzählungen von Rohr fand sich in seinem Nachlass. Diagonal war darauf geschrieben: „Antwort aus der DDR. Druck abgelehnt.“
Das war nur vorerst das letzte Wort. Mit dieser Sammlung von Texten gehört Angela Rohr endgültig zu den Autoren, die das 20. Jahrhundert, „dies Wolfshund-Jahrhundert“, wie Ossip Mandelstam es nannte, den Schafen erzählen. Den nicht geschorenen, nicht geschlachteten Schafen.
(*1) Angela Rohr: „Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen“. Herausgegeben von Gesine Bey. BasisDruck Verlag, Berlin; 304 Seiten; 18 Euro

Wilhelmine Müller-Slavutzkij, geb, 27.6.1905, gest. 12.11.2005 (an Kurt Müllers Stelle ins Gulag verbannt)

25 Jun
Vor 108 Jahren wurde sie geboren. Nach meinem ersten Besuch bei der Berliner Gruppe von Memorial wurde ich auf die Biografie aufmerksam gemacht, die ich nicht kannte.
 
Kurt Müller, der als stellvertretender KPD-Vorsitzender im Westdeutschland der Nachkriegszeit durch einen Lokanruf seines Vorsitzenden Max Reimann nach Ostberlin gelotst, und nach Sibiren verschleppt wurde, wäre schon 15 Jahre vorher erschossen worden, wenn er im Zugriffbegreich Stalins gelebt hätte. Stattdessen griff man sich seine Frau, die 12 Jahre ihres Lebens nicht nach Moskau zurückkheren kann, und erst 39 Jahre später im Jahr 1975 auf Vermittlung von Heinrich Böll, ihren früheren Ehemann, Kurt Müller, der auf Vermittlung von Konrad Adenauer (!!) 1955 die UdSSR verlassen kann nd längst in der SPD aktiv ist, wieder tritfft. Unvorstellbare Menschenschicksale!
 
 
27.06.1905
Geb. in Riga.
1916-1920er Jahre
Beeinflussung durch ihre Tante, die in revolutionären Kreisen verkehrt. Aktivität in revolutionären Kreisen.
1927-1929
Arbeit in der Profintern (Internationale der Gewerkschaften), dann in der KIJ (Kommunistische Internationale der Jugend).
1929
Reise nach Berlin. Arbeit im WEB – Westeuropa-Büro der Komintern – bei Georgi Dimitrow. Begegnung mit Kurt Müller.
1929/1930
Heirat mit Kurt Müller.
April 1929
Mitgliedschaft in der KPD.
1930-1932
Chemiestudium, zugleich Arbeit im WEB.
1932
Rückkehr nach Moskau (zu Kurt Müller).
1933
Folgt Kurt Müller nach Gorki, wohin er strafversetzt wurde.
1934
Rückkehr nach Moskau (Kurt Müller wurde inzwischen mit einem Parteiauftrag nach Deutschland geschickt). Wohnt im Hotel „Sojusnaja“ (gegenüber dem Hotel Lux).
1934-1936
Arbeit in der Komintern in Moskau. Reise nach Dänemark, dort u. a. Begegnung mit der Mutter Kurt Müllers, der inzwischen in Deutschland verhaftet worden ist.
10.03.1936
Verhaftung im Hotel „Sojusnaja“.
1936-1939
Untersuchungshaft in der Lubjanka und Butyrka. Vorwurf trotzkischer Tätigkeit. (Der Vorwurf ist vor allem gegen ihren Mann Kurt Müller gerichtet, auf den die Organe keinen Zugriff haben). Verurteilung zu acht Jahren Haft.
1939-1946
Strafverbüßung in Lagern in Kasachstan und in Ustwymlag. Dort Bekanntschaft mit dem späteren Ehemann Naum Slavutzkij. 1944 wird sie – als deutsche Staatsbürgerin – nach Ablauf der Haftzeit nicht freigelassen.
Februar 1946
Verspätete Entlassung aus der Haft. Aufenthaltsverbot für größere Städte. Lebt gemeinsam mit Naum Slavutzkij in der Komi ASSR.
 
1948/49
Reise nach Moskau, um eine Rehabilitierung zu erreichen, nachdem sie erfahren hat, dass Kurt Müller lebt und in Westdeutschland als KPD-Funktionär tätig ist. Mit der Verhaftung Kurt Müllers in der DDR im März 1950 wird diese Hoffnung hinfällig.
1955
Rückkehr nach Moskau. Rehabilitierung.
1955-1991
Lebt mit Naum Slavutzki in Moskau. In den 70er und 80er Jahren beteiligt an Verwaltung und Verteilung des von Alexander Solschenizyn eingerichteten Hilfsfonds für politische Gefangene in der Sowjetunion.
1975
Reise über Deutschland nach Frankreich. Besuch bei Heinrich Böll, der eine Wiederbegegnung mit Kurt Müller vermittelt.
Februar 1986
Haussuchung. Beschlagnahme umfangreicher Literaturbestände.
1991
Übersiedlung nach Köln.
12.11.2005
Tod in Köln.
 
 
Biographie: Vera Ammer
 

Die 6 Deutschen von Butovo. Vor 75 Jahren wurden sie in Moskau erschossen.

16 Jun
Russland ist groß, die UdSSR war es noch viel mehr. Im wesentlichen kennen wir heute nur einen Bruchteil der Todeslisten von unter Stalin erschossenen deutschen Antifaschisten. Nur auf dem Moskauer Friedhof Butovo wurde heute vor 75 Jahren 6 Deutsche erschossen. Wieviel waren es in der gesamten UdSSR? Nur an einem Tag!
Haenisch, Walter (Vater Konrad), geb. 1906 in Dortmund, Deutscher, aus ei-ner Angestelltenfamilie, Hochschulbildung, parteilos; Journalist, wohnhaft in Moskau, Ostrovskij pereulok 22/4. Verhaftet am 11. März 1938; beschuldigt der Spionage für Deutschland, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 17. Mai 1938 zum Tode verurteilt, am 16. Juni 1938 erschossen. Rehabilitiert am 28. Juli 1956. Bestattungsort Butovo.
Hermelin? (russ. Germilin), Alexander (Vater Karl), geb. 1900 in Driesen-Neustadt (Ostpreußen), Deutscher, aus einer Arbeiterfamilie, Hochschulbil-dung, Bürger der UdSSR, parteilos; Mitarbeiter der technischen Aufsicht im Stomatologischen Institut, wohnhaft ul. Kominterna 88a in Lossinoostrovsk, Moskauer Gebiet. Verhaftet am 19. Februar 1938; beschuldigt der Spionage und konterrevolutionärer Tätigkeit auf dem Territorium der UdSSR, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 1. Juni 1939 zum Tode verurteilt, am 16. Juni 1938 erschossen. Rehabilitiert am 10. Juli 1957. Bestattungsort Butovo.
 
Krejcsi, Fritz (Vater Rudolf), geb. 1897 in Budapest, Ungar, nicht abgeschlos-sene Hochschulbildung, KPD; politischer Redakteur bei Glavlit, wohnhaft in Moskau, ul. Kaljaevskaja 5. Verhaftet am 14. November 1937; beschuldigt der Teilnahme an einer konterrevolutionären terroristischen Organisation, vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR am 16. Juni 1938 zum Tode verurteilt und an diesem Tag erschossen. Rehabilitiert am 12. November 1955. Bestattungsort Butovo-Kommunarka. (Hinweis von Vera Ammer: seine Tochter (heute weit über 70) – lebt in Köln, sie war kurz mit Lew Kopelew verheiratet. Anfang der 90er Jahre hatte sie die UdSSR mit ihren Söhnen verlassen (heute in Australien und Budapest/Köln)
 
Narodizki, Mordko (Vater Lasar), geb. 1888 in der Ukraine, Jude, Hochschul-bildung, ehem. KPD; Ingenieur bei Glavprodmas ˇ, wohnhaft in Moskau, Novo-Ostankinskij pereulok 31. Verhaftet am 25. März 1938; beschuldigt der Spionage, vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR am 16. Juni 1938 zum Tode verurteilt und an diesem Tag erschossen. Rehabilitiert am 28. September 1957. Bestattungsort Butovo-Kommunarka.
 
Ri(y)ndhorn, Horst (Vater Herschel), geb. 1915 in Sachsen, Deutscher, aus ei-ner Angestelltenfamilie, Grundschulbildung, parteilos; Friseur im Frisier-salon des Obuchover Possowjet. Verhaftet am 12. März 1938; beschuldigt der Spionage, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 23. Mai 1938 zum Tode verurteilt, am 16. Juni 1938 erschossen. Re-habilitiert am 9. Juli 1959. Bestattungsort Butovo.
 
Richter, Adolf (Vater Georg), geb. 1888 in L ~ódz, Deutscher, aus einer Arbei-terfamilie, Grundschulbildung, seit 1917 KPdSU; Inspektor in der Verwaltung für Chausseebau beim NKVD des Moskauer Gebiets, wohnhaft in Moskau, 1. Novo-Ostankinskij proezd 33. Verhaftet am 16. Februar 1938, beschuldigt der Spionage und Schädlingsarbeit, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 31. Mai 1938 zum Tode verurteilt, am 16. Juni 1938 erschossen. Rehabilitiert am 3. Oktober 1957. Bestattungsort Bu-tovo.
 

Max Levien * 21. Mai 1885 in Moskau; † 16. Juni 1937

16 Jun
Max Levien (* 21. Mai 1885 in Moskau; † 16. Juni 1937 in der Sowjetunion) war ein deutsch-russischer Kommunist und Protagonist der Münchner Räterepublik.Details zeigen/verstecken
Anfänge
Max Levien wurde 1885 in Moskau als Sohn des deutschen Großkaufmanns Ludwig Levien geboren. Seine Schullaufbahn begann er 1893 am deutschen Gymnasium in Moskau und setzte sie 1897 in Meißen fort, wo er 1902 sein Abitur machte. Sein im Herbst 1905 angefangenes naturwissenschaftliches Studium an der Universität Halle musste er abbrechen, da er sich an der russischen Revolution von 1905 beteiligte. Ab 1906 Mitglied der russischen Sozialrevolutionäre, saß er 1907/08 eine Gefängnisstrafe in Moskau ab. Nach seiner Freilassung ging Levien nach Zürich, wo er seine Studien fortsetzte und im Sommer 1913 mit einer Promotion abschloss. In der Schweiz schloss er sich den russischen Sozialdemokraten an, hatte Kontakte zu Lenin und wurde Anhänger der Bolschewiki. Nach der Promotion ging Max Levien nach Deutschland und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Am 29. Oktober 1913 meldete er sich freiwillig zum bayerischen Leibinfanterieregiment und diente von 1914 bis 1918 als Soldat.

Revolution und Räterepublik[Bearbeiten]

In der Novemberrevolution war Levien in den Soldatenräten aktiv. Er wurde Vorsitzender des Münchner Soldatenrates und der Münchner Spartakusgruppe. Als Delegierter Münchens nahm er am Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands(KPD) teil. Zusammen mit Eugen Leviné war Levien Führer der Münchner KPD während der zweiten Räterepublik, wobei er sich um Zusammenarbeit mit den Anarchisten um Erich Mühsam bemühte und dafür Kritik aus den eigenen Reihen erntete. Nach der Niederschlagung der Räterepublik wurde Levien verhaftet, konnte jedoch im Mai 1919 nach Wien fliehen. Dort wurde er jedoch abermals festgenommen. Trotz des Auslieferungsgesuchs der bayrischen Justiz lieferte die österreichische Regierung Levien nach langen Verhandlungen nicht an Deutschland aus, sondern ließ ihn Ende 1920 frei.

Sowjetisches Exil[Bearbeiten]

Max Levien übersiedelte im Juni 1921 nach Moskau, wo er zunächst in der Hungerhilfe für Sowjetrussland tätig war. 1922 in das Exekutivkomitee der Komintern kooptiert, arbeitete er in dessen Apparat und nahm 1924 am 5. Komintern-Weltkongress teil. Levien war außerdem als Redakteur der Komintern-Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus tätig und unterrichtete an der Kommunistischen Universität der Nationalen Minderheiten des Westens. 1925 wurde er Mitglied der Russischen Kommunistischen Partei. In dieser Zeit war Levien eng mit dem in Ungnade gefallenen KPD-Führer Arkadi Maslow verbunden. In den 1930er Jahren hatte er zuletzt einen Lehrstuhl für Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften an der Moskauer Universität.
Schließlich fiel Max Levien dem Großen Terror zum Opfer. Am 10. Dezember 1936 wurde er vom NKWD verhaftet und zunächst im März 1937 zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Das Urteil wurde jedoch am 16. Juni 1937 in ein Todesurteil umgewandelt, welches unmittelbar vollstreckt wurde.

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin H. Geyer: Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne. München 1914–1924, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1998, S. 82.
  • Branko Lazitch; Drachkovitch, Milorad M. (Hgg.): Biographical Dictionary of the Comintern, Stanford/CA, Hoover Institution Press, 1986, S. 259f.
  • Natalia Mussienko; Ulla Plener (Hgg.): Verurteilt zur Höchststrafe. Tod durch Erschießen. Todesopfer aus Deutschland und deutscher Nationalität im Großen Terror in der Sowjetunion 1937/1938, Berlin, Dietz, 2006, S. 58.
  • Levien, Max. In: Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarb. und stark erw. Auflage. Karl Dietz Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6.
  • Hermann Weber: „Zu den Beziehungen zwischen der KPD und der Kommunistischen Internationale“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 16 (1968), 2, S. 177–208, hier: S. 188.

Filmreihe GULAG IM FILM. Im Berliner Zeughaus-Kino

6 Jun
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GULAG IM FILM

In den Straflagern des Stalin-Regimes durfte nicht fotografiert oder gefilmt werden. Nur der Geheimdienst NKWD produzierte in den frühen Jahren der Sowjetunion einige Dokumentarfilme, die als Aufklärungsfilme verstanden werden sollten, tatsächlich jedoch Propagandafilme sind. Sie verschleiern und beschönigen die tatsächlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Straflagern. Die Reihe GULAG IM FILM präsentiert diese seltenen sowjetischen Dokumentarfilme und stellt ihnen zwei Produktionen aus der Zeit der Perestroika an die Seite, denn nach den frühen Filmen aus den 1930er Jahren entstanden in der Sowjetunion keine weiteren filmischen Zeugnisse aus dem Gulag. Die Filmreihe GULAG IM FILM begleitet die Ausstellung GULAG. SPUREN UND ZEUGNISSE 1929-1956, die noch bis zum 1. September im Deutschen Historischen Museum zu erleben ist. Kurator der Filmreihe ist Günter Agde. Wir danken Memorial Deutschland e.V.
GULAG IM FILM

Schturm uchty
Sturm auf die Uchta
UdSSR 1935, P: Studio für Wochenschau Leningrad, R: Eduard Wolk, K: Grigorij Donez, 44‘ DVD, stumm, OF, russ. + dt. ZT
Na stroike baikalo-amurskoj
Beim Bau der Baikal-Amur Magistrale
UdSSR o.J., P: Bamlag (Baikal-Amur-Besserungs-Arbeitslager), OGPU (Vereinigte staatliche politische Verwaltung), K: S.G. Sawenko, K-Ass.: Marija Sawenko, 41‘ DVD, stumm, russ. + dt. ZT

Schturm uchty stellt die Erschließung von Bodenschätzen am Fluss Uchta in der Komi-Republik im Nordwesten Russlands dar. Die schweren Bauarbeiten unter primitivsten Bedingungen müssen „ehemalige Banditen“, also Häftlinge, verrichten. Sie werden von NKWD-Offizieren befehligt und bewacht. Die Häftlinge sollen zu gleichberechtigten Bürgern erzogen werden. Der Propagandafilm lobpreist die Erfolge: Gebäude, Eisenbahnen, Bohrtürme, die bescheidene Infrastruktur der neuen Stadt – und die „Menschwerdung von Verbrechern“.
Der Bau der Baikal-Amur-Magistrale, einer über 3.000 km langen Eisenbahnverbindung zwischen dem Baikalsee und dem Fluss Amur, war ein Prestigeprojekt des Stalin-Regimes. Realisiert wurde das Vorhaben von einem gigantischen Zwangsarbeiterlager, dem Bamlag, in dem 1938 über 200.000 Häftlinge gefangen gehalten wurden. Unter primitivsten Bedingungen mussten die Häftlinge Bäume fällen und roden, Schwellen und Schienen verlegen, Unterkünfte und Werkstätten bauen, und dies bei jedem Wetter. Die Filmzensur des NKWD (seinerzeit noch OGPU genannt) verlangte, dass die Arbeit an der Eisenbahnlinie als Heldentum und als harter, aber fairer Wettbewerb, der schließlich Erfolg hat, dargestellt wird. Elend und Schmutz, Krankheit und Tod kommen in Na stroike baikalo-amurskoj nicht vor. Im harten Gegensatz zur Wirklichkeit des Lagers propagiert der Film die Losung „Vorwärts zum Sieg“. (ga)
Einführung: Günter Agde

am 25.6.2013 um 20.00 Uhr

GULAG IM FILM

Walsi Petschorase
Der Walzer auf der Petschora
GE 1992, R: Lana Gogoberidze, 106’ 35 mm, OmU

Walsi Petschorase erzählt von zwei parallelen Handlungen, die beide in der Sowjetunion des Jahres 1937 angesiedelt sind. Nino wurde als „Ehefrau eines Volksfeindes“ in den Norden Russlands verbannt. Da sie arbeitsunfähig ist, hat sie noch nicht einmal ein Anrecht auf Unterkunft in einem der überfüllten Lager. Sie ist gezwungen, im kalten russischen Winter umherzuirren. Die zweite Geschichte handelt von der 13-jährigen Anna, die nach der Verhaftung ihrer Eltern in ein Waisenhaus gesteckt wurde. Nach ihrer Flucht aus dem Heim findet sie in der Wohnung ihrer Eltern einen KGB-Offizier vor. Überraschenderweise gewährt er ihr Unterschlupf, was ihn in Todesgefahr bringt.
Walsi Petschorase wurde beim Festival in Venedig 1992 begeistert aufgenommen: „Ein Film wie ein Klagelied, ohne Emphase, schmerzhaft und bewegend, ein Signal aus dem Osten, der sich noch nicht dem politisch-ästhetischen Willen des Westens unterworfen hat.“ (Il manifesto). Die 1928 geborene Regisseurin Lana Gogoberidse verarbeitet mit Der Walzer auf der Petschora einen Teil ihrer Biografie. Ihr Vater, einer der Führer der kommunistischen Partei Georgiens, wurde 1937 erschossen, ihre Mutter als „Ehefrau eines Volksfeindes“ für viele Jahre in ein Lager verbannt. (fl)

am 28.6.2013 um 21.00 Uhr
am 30.6.2013 um 20.30 Uhr

GULAG IM FILM

Solowetskije lagerja osobowo nasnatschenja
Solowki, Solowekier Lager besonderer Verwendung
UdSSR 1929, R: A.A. Tscherkassow, K: G.S. Sawenko, Tricks: R.F. Banzan, 83’ DVD, russ. + dt. ZT.

Dieser früheste Dokumentarfilm über ein sowjetisches Straflager blickt in alle Lebens- und Arbeitsbereiche des Lagers, freilich ohne die Existenzbedrohungen, die den Lageralltag der Häftlinge bestimmten. Solowetskije lagerja osobowo nasnatschenja wurde vom NKWD zensiert und sollte die Umerziehung von „ehemaligen“ Banditen und Verbrechern zu neuen Menschen popularisieren. Die Inselgruppe Solowki liegt 150 km vom Polarkreis entfernt, war über Jahrhunderte eine Klosteranlage und wurde vom NKWD zum ersten Straflager der Sowjetunion umfunktioniert. In den Jahren seiner Existenz von 1923 bis 1939 befanden sich dort über 72.000 Häftlinge, die Zahl der Toten ist nicht bekannt. (ga)
Einführung: Günter Agde

am 29.6.2013 um 19.00 Uhr

GULAG IM FILM

Wlast Solowetskaja
Die Macht von Solowki
UdSSR 1988, R/K: Marina Goldowskaja, B: Victor Listow, Dimitri Tschukowski, 93’ 35 mm, DF

Die Moskauer Dokumentarfilmregisseurin Marina Goldowskaja hat Ende der 1980er Jahre den OriginalfilmSolowki, Solowekier Lager besonderer Verwendung im Dokumentarfilmarchiv Krasnogorsk entdeckt. Sie durchsetzte ihn mit Auskünften von Zeitzeugen, allesamt Solowki-Häftlinge der zweiten Generation, und mit Naturaufnahmen der Insellandschaften. Die filmische Gegenüberstellung der sehr alten, aber ungebrochenen Zeugen mit den historischen Aufnahmen gibt beklemmende Auskünfte über das Lagerregime und seinen Alltag und über Chancen des Überlebens, über Propaganda und Wirklichkeit. Ein Granitblock von den Solowezker Inseln liegt seit 1992 als Gedenkstein in der Nähe der Folterzentrale der Lubjanka in Moskau. Die Inseln mit ihren Klöstern und den Relikten des Straflagers gehören seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe. (ga)

am 29.6.2013 um 21.00 Uhr

GULAG IM FILM

Sakljutschonnije
Häftlinge
UdSSR 1936, R: Jewgeni Tscherwjakow, B: Nikolai Pogodin, K: Michail Gindin, D: Michail Janschin, Gennadij Mitschurin, Boris Dobronrawow, 87’ DVD, OF, deutsch eingesprochen

Der einzige sowjetische Spielfilm, der das Leben im Gulag gestaltete. Die Basis der Filmfabel bildete ein Theaterstück des sowjetischen Dramatikers Nikolaj Pogodin (1900–1962) mit dem Titel Aristokraten (1934). Die Vokabel „Aristokraten“ meinte nach damaligem Lagerjargon Diebe, Banditen, Kleinkriminelle und liest sich heutzutage wie böser Hohn.
Ein Arbeitslager am Bau des Weißmeerkanals. Hauptfiguren sind Häftlinge: der Ingenieur Sadowski, ein „Schädling“; der Kriminelle Kostja-Kapitan, der sich schnell zum gewaltbereiten Anführer in der Häftlingsbaracke hochprügelt; eine Liebste; eine Häftlingsmutter. Die NKWD-Offiziere wollen sie mit Druck, ideologischer Indoktrinierung und vor allem harter Arbeit zu einem besseren Leben erziehen. Der Film arbeitet wie ein Vaudeville mit Melodien im Musette-Charakter des sowjetischen Films der 1930er Jahre. Für die Außenaufnahmen wurde auf dem Freigelände des Studios eine Gulag-Baustelle nachgebaut. Folglich waren zwar Arbeitsvorgänge zu sehen, nicht jedoch die tatsächliche Schwere, Primitivität und Lebensgefährlichkeit der Arbeit. Politische Gefangene, Krankheit, Hygiene und Tod kamen nicht ins Bild. Mehr Beschönigung und Verfälschung ging nicht… (ga)
Einführung: Günter Agde

am 30.6.2013 um 18.30 Uhr