Filmreihe GULAG IM FILM. Im Berliner Zeughaus-Kino

6 Jun
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GULAG IM FILM

In den Straflagern des Stalin-Regimes durfte nicht fotografiert oder gefilmt werden. Nur der Geheimdienst NKWD produzierte in den frühen Jahren der Sowjetunion einige Dokumentarfilme, die als Aufklärungsfilme verstanden werden sollten, tatsächlich jedoch Propagandafilme sind. Sie verschleiern und beschönigen die tatsächlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Straflagern. Die Reihe GULAG IM FILM präsentiert diese seltenen sowjetischen Dokumentarfilme und stellt ihnen zwei Produktionen aus der Zeit der Perestroika an die Seite, denn nach den frühen Filmen aus den 1930er Jahren entstanden in der Sowjetunion keine weiteren filmischen Zeugnisse aus dem Gulag. Die Filmreihe GULAG IM FILM begleitet die Ausstellung GULAG. SPUREN UND ZEUGNISSE 1929-1956, die noch bis zum 1. September im Deutschen Historischen Museum zu erleben ist. Kurator der Filmreihe ist Günter Agde. Wir danken Memorial Deutschland e.V.
GULAG IM FILM

Schturm uchty
Sturm auf die Uchta
UdSSR 1935, P: Studio für Wochenschau Leningrad, R: Eduard Wolk, K: Grigorij Donez, 44‘ DVD, stumm, OF, russ. + dt. ZT
Na stroike baikalo-amurskoj
Beim Bau der Baikal-Amur Magistrale
UdSSR o.J., P: Bamlag (Baikal-Amur-Besserungs-Arbeitslager), OGPU (Vereinigte staatliche politische Verwaltung), K: S.G. Sawenko, K-Ass.: Marija Sawenko, 41‘ DVD, stumm, russ. + dt. ZT

Schturm uchty stellt die Erschließung von Bodenschätzen am Fluss Uchta in der Komi-Republik im Nordwesten Russlands dar. Die schweren Bauarbeiten unter primitivsten Bedingungen müssen „ehemalige Banditen“, also Häftlinge, verrichten. Sie werden von NKWD-Offizieren befehligt und bewacht. Die Häftlinge sollen zu gleichberechtigten Bürgern erzogen werden. Der Propagandafilm lobpreist die Erfolge: Gebäude, Eisenbahnen, Bohrtürme, die bescheidene Infrastruktur der neuen Stadt – und die „Menschwerdung von Verbrechern“.
Der Bau der Baikal-Amur-Magistrale, einer über 3.000 km langen Eisenbahnverbindung zwischen dem Baikalsee und dem Fluss Amur, war ein Prestigeprojekt des Stalin-Regimes. Realisiert wurde das Vorhaben von einem gigantischen Zwangsarbeiterlager, dem Bamlag, in dem 1938 über 200.000 Häftlinge gefangen gehalten wurden. Unter primitivsten Bedingungen mussten die Häftlinge Bäume fällen und roden, Schwellen und Schienen verlegen, Unterkünfte und Werkstätten bauen, und dies bei jedem Wetter. Die Filmzensur des NKWD (seinerzeit noch OGPU genannt) verlangte, dass die Arbeit an der Eisenbahnlinie als Heldentum und als harter, aber fairer Wettbewerb, der schließlich Erfolg hat, dargestellt wird. Elend und Schmutz, Krankheit und Tod kommen in Na stroike baikalo-amurskoj nicht vor. Im harten Gegensatz zur Wirklichkeit des Lagers propagiert der Film die Losung „Vorwärts zum Sieg“. (ga)
Einführung: Günter Agde

am 25.6.2013 um 20.00 Uhr

GULAG IM FILM

Walsi Petschorase
Der Walzer auf der Petschora
GE 1992, R: Lana Gogoberidze, 106’ 35 mm, OmU

Walsi Petschorase erzählt von zwei parallelen Handlungen, die beide in der Sowjetunion des Jahres 1937 angesiedelt sind. Nino wurde als „Ehefrau eines Volksfeindes“ in den Norden Russlands verbannt. Da sie arbeitsunfähig ist, hat sie noch nicht einmal ein Anrecht auf Unterkunft in einem der überfüllten Lager. Sie ist gezwungen, im kalten russischen Winter umherzuirren. Die zweite Geschichte handelt von der 13-jährigen Anna, die nach der Verhaftung ihrer Eltern in ein Waisenhaus gesteckt wurde. Nach ihrer Flucht aus dem Heim findet sie in der Wohnung ihrer Eltern einen KGB-Offizier vor. Überraschenderweise gewährt er ihr Unterschlupf, was ihn in Todesgefahr bringt.
Walsi Petschorase wurde beim Festival in Venedig 1992 begeistert aufgenommen: „Ein Film wie ein Klagelied, ohne Emphase, schmerzhaft und bewegend, ein Signal aus dem Osten, der sich noch nicht dem politisch-ästhetischen Willen des Westens unterworfen hat.“ (Il manifesto). Die 1928 geborene Regisseurin Lana Gogoberidse verarbeitet mit Der Walzer auf der Petschora einen Teil ihrer Biografie. Ihr Vater, einer der Führer der kommunistischen Partei Georgiens, wurde 1937 erschossen, ihre Mutter als „Ehefrau eines Volksfeindes“ für viele Jahre in ein Lager verbannt. (fl)

am 28.6.2013 um 21.00 Uhr
am 30.6.2013 um 20.30 Uhr

GULAG IM FILM

Solowetskije lagerja osobowo nasnatschenja
Solowki, Solowekier Lager besonderer Verwendung
UdSSR 1929, R: A.A. Tscherkassow, K: G.S. Sawenko, Tricks: R.F. Banzan, 83’ DVD, russ. + dt. ZT.

Dieser früheste Dokumentarfilm über ein sowjetisches Straflager blickt in alle Lebens- und Arbeitsbereiche des Lagers, freilich ohne die Existenzbedrohungen, die den Lageralltag der Häftlinge bestimmten. Solowetskije lagerja osobowo nasnatschenja wurde vom NKWD zensiert und sollte die Umerziehung von „ehemaligen“ Banditen und Verbrechern zu neuen Menschen popularisieren. Die Inselgruppe Solowki liegt 150 km vom Polarkreis entfernt, war über Jahrhunderte eine Klosteranlage und wurde vom NKWD zum ersten Straflager der Sowjetunion umfunktioniert. In den Jahren seiner Existenz von 1923 bis 1939 befanden sich dort über 72.000 Häftlinge, die Zahl der Toten ist nicht bekannt. (ga)
Einführung: Günter Agde

am 29.6.2013 um 19.00 Uhr

GULAG IM FILM

Wlast Solowetskaja
Die Macht von Solowki
UdSSR 1988, R/K: Marina Goldowskaja, B: Victor Listow, Dimitri Tschukowski, 93’ 35 mm, DF

Die Moskauer Dokumentarfilmregisseurin Marina Goldowskaja hat Ende der 1980er Jahre den OriginalfilmSolowki, Solowekier Lager besonderer Verwendung im Dokumentarfilmarchiv Krasnogorsk entdeckt. Sie durchsetzte ihn mit Auskünften von Zeitzeugen, allesamt Solowki-Häftlinge der zweiten Generation, und mit Naturaufnahmen der Insellandschaften. Die filmische Gegenüberstellung der sehr alten, aber ungebrochenen Zeugen mit den historischen Aufnahmen gibt beklemmende Auskünfte über das Lagerregime und seinen Alltag und über Chancen des Überlebens, über Propaganda und Wirklichkeit. Ein Granitblock von den Solowezker Inseln liegt seit 1992 als Gedenkstein in der Nähe der Folterzentrale der Lubjanka in Moskau. Die Inseln mit ihren Klöstern und den Relikten des Straflagers gehören seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe. (ga)

am 29.6.2013 um 21.00 Uhr

GULAG IM FILM

Sakljutschonnije
Häftlinge
UdSSR 1936, R: Jewgeni Tscherwjakow, B: Nikolai Pogodin, K: Michail Gindin, D: Michail Janschin, Gennadij Mitschurin, Boris Dobronrawow, 87’ DVD, OF, deutsch eingesprochen

Der einzige sowjetische Spielfilm, der das Leben im Gulag gestaltete. Die Basis der Filmfabel bildete ein Theaterstück des sowjetischen Dramatikers Nikolaj Pogodin (1900–1962) mit dem Titel Aristokraten (1934). Die Vokabel „Aristokraten“ meinte nach damaligem Lagerjargon Diebe, Banditen, Kleinkriminelle und liest sich heutzutage wie böser Hohn.
Ein Arbeitslager am Bau des Weißmeerkanals. Hauptfiguren sind Häftlinge: der Ingenieur Sadowski, ein „Schädling“; der Kriminelle Kostja-Kapitan, der sich schnell zum gewaltbereiten Anführer in der Häftlingsbaracke hochprügelt; eine Liebste; eine Häftlingsmutter. Die NKWD-Offiziere wollen sie mit Druck, ideologischer Indoktrinierung und vor allem harter Arbeit zu einem besseren Leben erziehen. Der Film arbeitet wie ein Vaudeville mit Melodien im Musette-Charakter des sowjetischen Films der 1930er Jahre. Für die Außenaufnahmen wurde auf dem Freigelände des Studios eine Gulag-Baustelle nachgebaut. Folglich waren zwar Arbeitsvorgänge zu sehen, nicht jedoch die tatsächliche Schwere, Primitivität und Lebensgefährlichkeit der Arbeit. Politische Gefangene, Krankheit, Hygiene und Tod kamen nicht ins Bild. Mehr Beschönigung und Verfälschung ging nicht… (ga)
Einführung: Günter Agde

am 30.6.2013 um 18.30 Uhr

 
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