Johannes R. Becher: Der Getreue

7 Jan
Johannes R. Becher über kommunistisch-stalinistische Parteiloyalität bis in den Tod:

Johannes R. Bechet

 
Der Getreue
 
„Schuld auf sich nehmend gilt es aufzudecken
Das Spiel des Feinds … und darum der Beschluß.
Das Urteil wird man nur zum Schein vollstrecken …“
Da sprach er, der Getreue: „Ja, ich muß!“
 
Und war bemüht, als vor Gericht er stand,
Die eigen Schuld eindringlich darzulegen,
Und auf sich selber wies er mit der Hand
Und er bewies – und nahm wortlos entgegen
 
Das Todesurteil, wie beschlossen war …
„Welch ein Prozeß! Und ich durfte ihn gewinnen
Für euch, ihr Freunde! …O, wie wunderbar:
Ihr lebt in mir und ich in euch tief innen!“
 
Da führten sie ihn einen Gang entlang.
Wohin des Wegs? – Es war sein letzten Gang.
 
In diesem Gedichte, das Becher nach dem XX.Parteitag der KPDSU 1956, also nach der Aufdeckung einiger Verbrechen Stalins durch Chrustschow und der Rehabilitierung einiger der Opfer der „Moskauer Prozesse“, schrieb, wagt er sich auch kritisch an die Thematik der Schauprozesse. Das Gedicht „Der Getreue“ gehört zu denjenigen Schriften Bechers, die er nie zur Veröffentlichung gab. Es erschien erst 1972 lange nach dem Tod Bechers.
Es scheint der Fall des Kommunisten Lazlo Rajk angesprochen zu werden. Dieser war mit dem Hinweis auf die Parteidisziplin gezwungen worden, ein falsches Geständnis abzulegen, um ihn dann zum Schein zum Tode zu verurteilen. Nach seinem Prozeß wurde Rajk hingerichtet.
 
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