Archiv | August, 2014

Für fünf deutsche AntifaschistInnen wurde der 27. August vor einem dreiviertel Jahrhundert zum Todestag in Sowjetrussland.

26 Aug

 

Wladislaw, Sigismund und Wilhelm wurden am 27. August 1938 in Moskau erschossen.

Hans und Camilla wurden am 27. August verhaftet und später erschossen.

Alle fünf kamen als Freunde in die Sowjetunion, auf der Flucht vor Faschisten, um beim Aufbau der „neuen Gesellschaft“ zu helfen.

 

Wilhelm kommt aus Sachsen, Hans aus dem Ruhrgebiet, Wladislaw, aus Ostpreußen, Camilla eine deutsche Serviererin aus Warschau und Sigismund ebenfalls ein deutscher Angestellter und Hochschulabsolvent wohnhaft in Polen.

Am Tag ihre Erschießung sind sie 31, 43, 73, 50, und 43 Jahre alt.

Zwei sind Kommunisten, drei sind parteilos.

Vier von ihnen sind vor über 60 Jahren als unschuldig Hingerichtete von sowjetischen Gerichten rehabilitiert.

Und vier von ihnen sind im Bestattungsort Moskau – Butowo begraben.

Einer von ihnen, Sigismund Scheibe, trat völlig unvermittelt in mein (Mathis Oberhof) Leben im Jahre 2013 in Wandlitz im Norden von Brandenburg: die Reporterin der „Märkischen Oderzeitung“ besuchte mich zuhause für ein Porträt über meine Arbeit am Runden Tisch der Toleranz. Sie hatte ihren Fotografen mitgebracht: Serge Scheibe. Und als ich davon erzähle, dass ich mich auch mit dem Schicksal von in der Sowjetunion ermordeten Kommunistinnen und Kommunisten beschäftige, sagt er: „dann müssen sie auch meinen Onkel kennen, der ist auch in Russland erschossen worden.“ So unvermittelt ist das Grauen von vor 75 Jahren in meine Gegenwart getreten!

 

Und wer erinnert an Sie?

Wer legt Stolpersteine vor ihrer letzten Wohnungen bevor sie in die Sowjetunion emigrierten.

Wer erzählt ihre Geschichte?

Wer erinnert sich an die letzten Monate und Wochen vor ihrem Tod, an ihre Verzweiflung, dass sie zwar den Nazis entwischt sind, aber jetzt von den eigenen Genossen als Spione, Teilnehmer einer „faschistisch – trotzkistischer Gruppe – Konterrevolutionärer Propaganda oder Spionage für Nazideutschland zum Tode verurteilt wurden.

 Die fünf Opfer vom 27. August sind entnommen aus einer Liste von 567 Namen aus dem Buch „Verurteilt zur Höchststrafe: Tod durch Erschießen“ da von Ulla Plehner und Natalia Mussienko, herausgegeben als Texte 27 von der Rosa Luxemburg Stiftung, 1993.

Heute wissen wir, dass die Anzahl der in den Jahren des „großen Terrors“ in der Sowjetunion umgekommenen deutschen Antifaschistinnen und Antifaschisten mindestens zwischen 3000 und 6000 beträgt. Dabei sind viele Archive insbesondere außerhalb von Moskau und St. Petersburg bisher noch nie geöffnet worden.

 

Wer die Vergangenheit verdrängt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.

 Und hier die wenigen Daten, die an ihr gelebtes Leben für Gerechtigkeit und Freiheit erinnern:

Fiedler, Wilhelm (Vater Alfred), geb. 1907 in Schmiedeberg, Deutscher, mittlere Bildung, zuletzt KPdSU; Schlosser im Werk Nr. 70, wohnhaft in Moskau, 1. Pavlovskij pereulok 11. Verhaftet am 25. Februar 1938; beschuldigt der Spionage und der nachrichtendienstlichen Tätigkeit, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 29. Juli 1938 zum Tode verurteilt, am 27. August erschossen. Rehabilitiert am 21. November 1964. Bestattungsort Butovo. 

 

Rogalla, Hans (Vater Dietrich), geb. 1893 in Recklinghausen, Mitglied der KPD seit 1919, in der UdSSR seit 1921, seitdem KPdSU, seit 1922 Beauftragter des ZK der KPD für die Hungerhilfe (»Pomgolod«) in der Tatarischen Republik an der oberen Wolga, später Mitarbeiter der IAH in Moskau, um 1933 auch Vertreter des RFB in der UdSSR, seit 1936 Bürger der UdSSR, zuletzt (vermutlich im Rahmen der in der UdSSR von der IRH unterhaltenen Betriebe) Leiter des Moskauer Trusts für Schweinemast. Verhaftet am 27. August 1936, am 10. Juli 1937 von der Sonderberatung des NKVD wegen angeblicher Teilnahme an einer faschistisch-trotzkistischen Gruppe und konterrevolutionärer Propaganda unter deutschen Emigranten zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt, kam in das »Sevvostlag« des NKVD im Fernen Osten der UdSSR, hier (im März) 1938 wegen angeblicher Sabotage erneut verhaftet, im Mai 1938 von der Sonderberatung der NKVD-Verwaltung für den Fernen Osten zum Tode verurteilt und erschossen. 

 

Stybor, Wladislaw (Vater Martin), geb. 1865 in Lautenburg, Masuren (ehem. Ostpreußen) Pole, aus einer Arbeiterfamilie, Grundschulbildung; zuletzt ohne bestimmte Tätigkeit, wohnhaft in der Siedlung Odincovo, Kombinatswohnheim. Verhaftet am 23. November 1937; beschuldigt der Leitung einer konterrevolutionären nationalistischen Spionage- und Diversionsgruppe, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 2. August 1938 zum Tode verurteilt, am 27. August 1938 erschossen. Rehabilitiert am 15. September 1989. Bestattungsort Butovo. 

 

Biller, Camilla (Vater Julius), geb. 1887 in Warschau, Deutsche, aus einer Arbeiterfamilie, Grundschulbildung, parteilos; Serviererin im Pelmeni-Imbiss Nr. 11, wohnhaft in Moskau, Malyj Komsomol’skij pereulok 5. Verhaftet am 27. August 1937; beschuldigt der Teilnahme an der POW, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 6. Oktober 1937 zum Tode verurteilt, am 3. November 1937 erschossen. Rehabilitiert am 22. September 1958. Bestattungsort Butovo. 

Scheibe, Sigismund (Vater Karl), geb. 1895 in Polen, Deutscher, aus einer Angestelltenfamilie, Hochschulbildung, parteilos; Lehrer in der Oberschule Nr. 26 in Serpuchov, Moskauer Gebiet, wohnhaft ebenda, Glazovskij pereulok 9. Verhaftet am 27. März 1938; beschuldigt der Spionage für Deutschland, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 2. August 1938 zum Tode verurteilt, am 27. August 1938 erschossen. Rehabilitiert am 9. Mai 1963. Bestattungsort Butovo. 

 

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BECK, HANS, * 4.1.1894, † 25.8.1937 einer der Gründer der KPD Thüringen, in der UdSSR erschossen

25 Aug
Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Geboren am 4. Januar 1894 in Erfurt. Feinmechanikerlehre, Eintritt in die Gewerkschaft, 1913 Mitglied der SPD. 1914 zum Militär eingezogen. Später Mechaniker im Reichsbahnausbesserungswerk Erfurt. Beck trat 1917 der USPD bei, gehörte im Januar 1919 zu den Mitbegründern der KPD in Thüringen. Später in den Zeiss-Werken tätig, dort 1923 Arbeiterratsvorsitzender. 1924 zum Abgeordneten des Thüringer Landtags gewählt. Von Juli bis August 1925 leitete er die erste deutsche Arbeiterdelegation in die Sowjetunion und hielt sich seit Mitte 1926 erneut in der Sowjetunion auf. Hier lernte er seine Frau, eine Russin, kennen. Mit seiner Frau Tatjana Beck (*30. 12 1900 – † 23. 2. 1983) kehrte er Ende 1926 nach Deutschland zurück und wurde zunächst Mitarbeiter in der Gewerkschaftsabteilung des ZK, dann Mitglied der KPD-BL Thüringen und Redakteur der »Neuen Zeitung« in Jena. Er zeichnete mitverantwortlich für die Zeitschrift »Einheit«, die Sozialdemokraten unter den Arbeiterdelegationen in Sowjetrußland für die KPD gewinnen sollte. Wie die ganze Gruppe um die »Einheit« war auch Beck Anhänger des rechten Flügels der KPD. Auf dem XI.Parteitag 1927 wandte er sich gegen die Schaffung eigener kommunistischer Gewerkschaftsorganisationen. Im Oktober 1928 aus der KPD ausgeschlossen, wurde Beck Mitglied der KPO, deren Reichsleitung er von 1929 bis 1932 angehörte. Wegen eines Hochverratsverfahrens flüchtete er im September 1932 nach Norwegen. Hier arbeitete er mit seiner Frau, die Mitglied der KPD blieb, an der sowjetischen Handelsvertretung in Oslo. 1933 begann in norwegischen Zeitungen eine Kampagne gegen die Becks. Der Vorwurf lautete, sie wären Kom-intern-Agenten. Daraufhin emigrierten sie im Oktober 1933 von Norwegen in die UdSSR, nach Kusnezk/Stalinsk. Er arbeitete bis 1935 im Metallurgischen Kombinat Nowokusnezk, danach im Moskauer Werk für Präzisionsmeßgeräte Tispribor. Hans Beck, der noch regelmäßigen Briefkontakt zu Heinrich Brandler hielt, wurde am 9. August 1936 verhaftet und vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR am 25.August 1937 wegen »Teilnahme an konterrevolutionärer Tätigkeit« zum Tode durch Erschießen verurteilt. Das Urteil wurde am gleichen Tag vollstreckt.
Becks Frau, Tatjana Beck, wurde am 11. Dezember 1937 verhaftet und am 16. April 1938 zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Sie überlebte Lager und Verbannung und kam mit ihren beiden Kindern im Februar 1959 in die DDR. Im August 1956 wurde sie und im April 1958 Hans Beck posthum durch das Oberste Gericht der UdSSR »rehabilitiert«. Tatjana Beck arbeitete von 1959 bis 1968 als Übersetzerin am Deutschen Institut für Zeitgeschichte bzw. ab 1968 freischaffend für das IPW. Sie erhielt 1965 den VVO in Silber.

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