Dertinger, Georg, * 25. Dezember 1902 in Berlin; † 21. Januar 1968 in Leipzig

25 Dez

 Am 25.12. vor 113 Jahren wurde der erste Aussenminister der DDR und linke Christdemokrat geboren. Kurz nach seinem 50. Geburtstag wurde er unter fadenscheinigen Gründen verhaftet und als“ imperialistischer Agent“ zu 15 Jahren Bautzen verteilt. Mein Vater war mit ihm flüchtig befreundet und erzählte mir als Kind noch dass Märchen, er sei BND-Agent gewesen. Am brutalsten aber war die Behandlung seiner Kinder (15,13, und 8), die alle auch zunächst verhaftet wurden. Ein schauriges Kapitel DDR-Beitrag zu den Schauprozessen der 50er Jahre.

Wikipedia:

Georg Dertinger (* 25. Dezember 1902 in Berlin; † 21. Januar 1968 in Leipzig) war ein deutscher Politiker (DNVP, Ost-CDU). Er war Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.

Studium und Beruf

Er arbeitete nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft bei der Magdeburger Volkszeitung und später in der Magdeburger Redaktion der Bundeszeitung des Stahlhelm.

Mitgliedschaft bei der DNVP

Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Dertinger gehörte dem Deutschen Herrenklub an und hatte enge Kontakte zum Tat-Kreis Franz von Papens. Er begleitete Papen 1933 bei den Verhandlungen um das Konkordat zwischen Deutschem Reich und Heiligem Stuhl. Ab 1934 war er Mitarbeiter des Dienst aus Deutschland und verschiedener Provinzzeitungen.

Mitgliedschaft bei der Ost-CDU

Nach 1945 wurde Dertinger Mitglied der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) in der Sowjetischen Besatzungszone, gehörte ihrem Vorstand sowie dem Verfassungs- und Koordinierungsauschuss an.

Abgeordneter und Minister

Rede zur DDR-Gründung

Von 1949 bis 1953 war Dertinger Abgeordneter der Volkskammer und erster Minister für Auswärtige Angelegenheiten. Am 6. Juli 1950 unterzeichnete er als solcher das Görlitzer Abkommen mit Polen über die Oder-Neiße-Grenze

Politische Verfolgung

Am 15. Januar 1953 wurde Dertinger verhaftet und vom Obersten Gericht der DDR wegen angeblicher „Spionage und Verschwörung“ in einem Schauprozess zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bereits 1952 war Gerold Rummler, der persönliche Referent Dertingers, vom Staatssicherheitsdienst der DDR beauftragt worden, belastende Informationen über seinen Vorgesetzten zu sammeln und an das Ministerium für Staatssicherheit weiterzuleiten. Rummler floh daraufhin nach West-Berlin. Nach dem Prozess war Dertinger in Haft in der Justizvollzugsanstalt Bautzen. 1964 wurde er begnadigt und arbeitete danach für den St. Benno-Verlag in Leipzig.

 

Auch die Familie Dertingers wurde Opfer stalinistischer Verfolgung: Seine Ehefrau wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie auch verbüßen musste. Der damals mit 15 Jahren älteste Sohn Rudolf erhielt drei Jahre Zuchthaus nach Erwachsenenstrafrecht und flüchtete danach in den Westen, wo er Journalist wurde. Die 13-jährige Tochter Oktavia wurde nach der Haft in die Obhut der ebenfalls zunächst verhafteten und dann ins Erzgebirge verbannten Großmutter gegeben. Der damals neunjährige Christian[1] kam mit neuer Identität zu SED-treuen Pflegeeltern, wurde nach acht Jahren seiner freigelassenen Mutter zurückgegeben und konnte erst nach der Wende sein Schicksal erkunden. Er lebt heute in Leipzig.

 

Über die Verfolgung der Kinder berichtet die Zeit:

 

 

Georg Dertinger und die Seinen

Wie die DDR ihren ersten Außenminister und dessen Familie in den fünfziger Jahren vernichten wollte

 

VON Hartmut Jäckel

 

QUELLE (c) DIE ZEIT 20.02.2003 Nr.9

Das Jahr 1953, das in der Erinnerung der Deutschen auf lange Zeit mit dem Marsch streikender Bauarbeiter zur Stalinallee und dem Datum des 17.Juni verbunden bleiben wird, beginnt im Machtbereich der SED mit einer spektakulären Verhaftungsaktion. Sieben Wochen vor Stalins Tod, in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar, wird Georg Dertinger, seit Oktober 1949 Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, zusammen mit seiner Frau festgenommen.

 

Georg Dertinger ist heute weitgehend vergessen. Doch in seinem Schicksal und dem seiner Familie spiegeln sich die Aufbrüche und Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts wie in einem zeitgeschichtlichen Lehrstück. Es ist ein Stück, das noch in der Kaiserzeit beginnt. Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1902 wird Dertinger in eine katholische Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg, die Schlacht um Verdun hat eben begonnen, weiß der 13-Jährige, was er werden will: Infanterieoffizier. Er verlässt das Elternhaus und bezieht zunächst eine Kadettenanstalt im schleswig-holsteinischen Plön, dann die Hauptkadettenanstalt des preußischen Heeres in Groß-Lichterfelde, einer brandenburgischen Ortschaft, die erst 1920 ein Teil Berlins wird. (Heute befindet sich auf dem weitläufigen Gelände, das nach 1933 von der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ und von 1945 bis 1991 von der U. S. Army genutzt worden ist, die Berliner Außenstelle des Koblenzer Bundesarchivs.)

 

Als im November 1918 Krieg und Krone verloren sind, wird der preußische Fahnenjunker ziviler Schüler eines Lichterfelder Realgymnasiums. Nach dem Abitur studiert Dertinger an der Berliner Universität Jura und Volkswirtschaft, bricht das Studium aber 1923 ab, um Journalist zu werden. Von der Magdeburgischen Zeitung wechselt er 1925 als politischer Redakteur zur Zeitschrift Der Stahlhelm des gleichnamigen Bundes der Frontsoldaten, dessen Ehrenpräsident der Generalfeldmarschall a.D. Paul von Hindenburg ist. 1928 kehrt Dertinger als Berliner Korrespondent mehrerer deutscher Blätter in die Hauptstadt zurück. Er wohnt in Schöneberg gleich hinter dem Kleistpark und firmiert im Telefonbuch, was damals nur in der Rechtspresse üblich ist, als Schriftleiter. Aber rechts steht er ja auch, der junge Dertinger, der sich alsbald der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) anschließt, genauer: dem im Januar 1930 von Hugenbergs Gegenspieler Gottfried Treviranus gebildeten Parteiflügel, der sich „Volkskonservative Vereinigung“ nennt. Dertinger verkehrt im „Herrenclub“ des Zentrumspolitikers und späteren Reichskanzlers Franz von Papen und pflegt Kontakte zum rechtskonservativen „Tatkreis“ des Publizisten Hans Zehrer.

 

Die CDU dankt ergebenst für die Verhaftung ihres Vorsitzenden

 

Nach Hitlers Machtantritt begleitet Dertinger von Papen, der sich im Juni 1932 vom Zentrum gelöst hat und bis Anfang August 1934 als Vizekanzler der „Regierung der nationalen Konzentration“ amtiert, zu den Verhandlungen über das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl. Für eine NS-Karriere ist der kirchlich und konservativ gesinnte Journalist nicht geschaffen. Er findet seine berufliche Nische bei der Pressekorrespondenz Dienst aus Deutschland, der die grenzüberschreitende Verbreitung von Nachrichten aus dem Reich obliegt. Der Dienst wird, um ihm einen Anschein von Objektivität zu verleihen, nicht von Joseph Goebbels’ Propagandaministerium, sondern von einem „Auslandspressebüro“ herausgegeben, das dem eher blassen „Reichspressechef“ Otto Dietrich untersteht.

 

Als verantwortlicher Schriftleiter zählt der parteilose Dertinger bis 1945 zu den unauffälligen Stützen des Regimes. Eigene Artikel hat er im „Dritten Reich“ nicht mehr veröffentlicht. Dass er die NS-Herrschaft innerlich ablehnt, belegt sein vertrauter Umgang mit Männern, die zum katholischen Widerstand zählen: mit Jakob Kaiser, Heinrich Krone, Otto Lenz und dem 1944 hingerichteten Josef Wirmer. Ernst Lemmer, bis 1933 Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und später Bundesminister in drei Kabinetten Konrad Adenauers, erinnert sich 1968 in seinem Memoirenband Manches war doch anders, Dertinger damals in einem „Freundeskreis von Journalisten“ begegnet zu sein, „die mit unbedingter Offenheit miteinander diskutierten und von denen keiner Nationalsozialist war“. Als das Haus, das Dertinger nach seiner Hochzeit in Kleinmachnow vor den Toren Berlins bezogen hatte, im Februar 1943 den Bomben zum Opfer fällt, siedelt die Frau mit den Kindern in die brandenburgische Provinz über, nach Prenzlau.

 

Wenige Wochen nach Kriegsende tritt Georg Dertinger als Mitgründer und Sprecher der Berliner CDU öffentlich in Erscheinung. Fast vier Jahre, von Januar 1946 bis Oktober 1949, amtiert er als Generalsekretär der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone. Zielstrebig betreibt er die von der SED geforderte Gleichschaltung seiner Partei. Er sucht den Konflikt mit dem freiheitlich gesinnten Vorsitzenden Jakob Kaiser und erreicht im Dezember 1947 dessen Absetzung. Fortan dient die von dem Journalisten und ehemaligen DDP-Mann Otto Nuschke und Dertinger gemeinsam geführte Ost-CDU nur mehr als Feigenblatt, um die Alleinherrschaft der SED zu kaschieren. Frühzeitig tritt Dertinger auch für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnische Friedensgrenze ein, und ohne Zögern akzeptiert er die Einbindung der CDU in die „Nationale Front“, die fortan sämtliche Wahlen zur Farce werden lässt. Das alles empfiehlt ihn zu Höherem.

 

Am 12. Oktober 1949 wird der Christdemokrat als Minister für Auswärtige Angelegenheiten in die erste Regierung der DDR unter Ministerpräsident Otto Grotewohl (SED, vormals SPD) berufen. Ulbricht soll dieser Berufung nur widerwillig zugestimmt haben. Drei volle Jahre versieht Dertinger das wenig einflussreiche Ministeramt. Zur Feier seines 50. Geburtstages am 25. Dezember 1952 erscheinen Grotewohl und Wilhelm Pieck, der Staatspräsident. Doch nur wenige Tage später meldet ADN, die staatliche Nachrichtenagentur der DDR, das Freund und Feind gleichermaßen überraschende Ende einer steilen Karriere: Dertinger, heißt es in der Meldung, sei aufgrund seiner feindlichen Tätigkeit im Auftrage „imperialistischer Spionagedienste“ verhaftet worden. Nicht einmal die Wendung „unter dem Verdacht“ wird ihm in der Verlautbarung zugebilligt.

 

Die aufgeschreckte Führung der Ost-CDU distanziert sich umgehend von ihrem stellvertretenden Vorsitzenden. Ungeprüft sieht sie die ihm zur Last gelegte „hinterhältige Spionage- und Zersetzungstätigkeit“ als erwiesen an und begrüßt die „Wachsamkeit unserer Sicherheitsorgane“. Die fast zeitgleich auf einer CDU-Tagung in Weimar gefasste Entschließung dokumentiert beschämende Unterwürfigkeit. „Das erweiterte Sekretariat der Parteileitung“, heißt es dort, „verurteilt mit größter Empörung Dertingers verräterisches Treiben. Er hat es durch beispiellose Doppelzüngigkeit verstanden, sich das Vertrauen der Partei und der demokratischen Kräfte in ganz Deutschland zu erschleichen, [und] schändlichen Verrat an der Partei und den hohen Zielen unseres nationalen Kampfes um Einheit und Frieden geübt.“ Das verbrecherische Verhalten müsse in seinem ganzen Ausmaß aufgedeckt werden. Im Eilverfahren schließt der Politische Ausschuss der CDU Dertinger aus der Partei aus und enthebt ihn sämtlicher Parteiämter.

 

Zum geschäftsführenden Außenminister beruft der Ministerrat Dertingers Staatssekretär, den Altkommunisten Anton Ackermann, Mitglied des ZK der SED, Kandidat des Politbüros und Direktor des Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts. Aber auch mit dieser Personalie hat Ulbricht kein Glück. Schon ein halbes Jahr später wird Ackermann im Zuge der Säuberungen nach dem 17. Juni seiner Partei- und Staatsämter enthoben. Ihm wird vorgeworfen, die „parteifeindliche Fraktion“ des Ministers für Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, und des Chefredakteurs des Parteiorgans Neues Deutschland , Rudolf Herrnstadt (beide SED), unterstützt zu haben.

 

Ein Solidaritätsbeitrag zu Stalins Schauprozessen

 

Anfang Juni 1954 verurteilt der 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR Dertinger und fünf Mitangeklagte, unter ihnen der schon im August 1952 verhaftete Staatssekretär im Ministerium der Justiz der DDR, „wegen Verbrechens gegen Art.6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik“ zu hohen Zuchthausstrafen. In Artikel6 wird das neuartige Delikt der „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen“ als Straftatbestand dekretiert. Dertinger, der mit 15 Jahren Zuchthaus die Höchststrafe erhält, wird vorgeworfen, seit 1948 Spionageverbindungen nicht nur zur West-CDU, namentlich über den im Bundeskanzleramt als Staatssekretär tätigen „Agenten Otto Lenz“, unterhalten zu haben, sondern auch zum amerikanischen und britischen Geheimdienst. Das Urteil listet 22 Themenbereiche auf, über die Dertinger fortgesetzt berichtet habe.

 

In einem Folgeprozess wird die Frau des abgesetzten Außenministers als Mittäterin zu acht und seine Sekretärin wegen Beihilfe zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die drakonische Abstrafung des bürgerlichen Politikers und der Menschen in seinem Umfeld kann auch als später Solidaritätsbeitrag der DDR zu den Schauprozessen in den sozialistischen Bruderstaaten gedeutet werden.

 

Maria Dertinger verbüßt ihre Strafe in Brandenburg-Görden und Halberstadt. Im November 1960 wird sie entlassen. Georg Dertinger sitzt im Zuchthaus Bautzen ein. Als er im Mai 1964 begnadigt wird, hat er fast elfeinhalb Jahre Haft hinter sich. In seinen letzten Lebensjahren ist er als Justitiar beim Leipziger St. Benno-Verlag und für die kirchliche Caritas tätig. Am 21. Januar 1968 stirbt Georg Dertinger, 65 Jahre alt, an einem Krebsleiden.

 

Dies ist freilich nur die eine, öffentlich sichtbare Hälfte der Geschichte, die hier erzählt wird. Die ungleich dunklere und weithin unbekannte andere Hälfte betrifft die drei Kinder des Ehepaares, namentlich ihren jüngsten Sohn. Christian ist acht Jahre alt, als seine Eltern zu nächtlicher Stunde in ihrem neuen Haus in Kleinmachnow, Ernst-Thälmannstr. 8, verhaftet werden. Alle Räume, alle Schränke und Schubladen und vor allem der Schreibtisch des Vaters werden von dem uniformierten Kommando lärmend durchsucht. Die Mutter verabschiedet sich an Christians Bett mit den Worten „Ich muss ganz plötzlich weg“ und mit dem Versprechen, bald wieder da zu sein.

 

Fast acht Jahre werden vergehen, bis der Junge seine Mutter wiedersieht. In all diesen Jahren gibt es keinen Brief und nicht einmal ein mittelbares Lebenszeichen von den über Nacht verschwundenen Eltern. Kein Verwandter oder Nachbar darf Christian zu sich nehmen. Der ältere, schon 16-jährige Bruder erhält vier Jahre Jugendstrafe. Die 13-jährige Schwester kommt zwar wie die Großmutter ohne Urteil davon; beide bleiben aber für lange Monate inhaftiert. Mit dem Achtjährigen hat der sozialistische Staat Größeres vor. Um ihn für immer dem schädlichen Einfluss von Menschen zu entziehen, die das friedliche Aufbauwerk der Kommunisten behindern, soll ihm zum Start in ein neues Leben eine neue Identität zuteil werden.

 

Nach etlichen Wochen in einem bewachten Quartier der Staatssicherheit in Pankow eröffnet ein Offizier namens „Heinz“, der später Christians Vormund wird, dem durch die Isolation zermürbten Jungen, er sei in Wahrheit eine Kriegswaise. Nach dem Krieg habe es viele Kinder ohne Eltern gegeben. Manche seien von anderen Familien aufgenommen und adoptiert worden. So sei es auch ihm ergangen. Er heiße zwar Christian, aber nicht Dertinger. „Du heißt Christian Müller.“ Und unter diesem, seinem richtigen Namen komme er nun, da es seine bisherigen Pflegeeltern nicht mehr gebe, in eine neue Familie. „Tante Lieschen und Onkel Emil möchten dich gerne an Kindes Statt annehmen.“ Die Frage, ob er denn auch die Geschwister und seine Oma nicht mehr wiedersehen dürfe, wird mit einigen Phrasen aus der sozialistischen Tugendlehre beantwortet.

 

Der Junge findet sich – was bleibt ihm anderes übrig? – mit diesen schockierenden und schmerzenden Auskünften ab. Zu „Heinz“, der ihm als selbstloser Helfer erscheint, fasst er Vertrauen. „So begann mein zweites Leben in Schönebeck an der Elbe bei Tante Lieschen und Onkel Emil. Ich kam in eine Großfamilie mit vielen Kindern, mit vielen Tieren, mit halber Landwirtschaft. Die Elblandschaft ist herrlich und ideal für heranwachsende Kinder. Im September begann die Schule wieder. Endlich hatte ich auch wieder Klassenkameraden, und mir wurde bewusst, dass mein Waisenschicksal gar nicht so selten war. Meine Erziehung war orthodox-kommunistisch.“ Nicht nur „Heinz“ ist bei der Stasi. „Ein Bruder von Tante Lieschen war Stasi-Chef von Magdeburg, ein anderer von Schönebeck.“

 

Die Jahre vergehen. Christians Entwicklung verläuft, so sieht er es selbst, „wie bei einem ganz normalen Kind“. Die Geschwister aus seinem früheren Leben ziehen 1957 in den Westen. Nach Schönebeck dringt diese Kunde nicht. Christian ist in der FDJ und geht zur Jugendweihe. Als der 14-Jährige 1958 einen Personalausweis beantragt, muss er eine Geburtsurkunde beibringen. Die hat er nicht. Aber er hat ja „Heinz“. Der sorgt dafür, dass schon nach ein paar Tagen ein Brief aus Berlin mit der standesamtlichen Urkunde eintrifft: Christian heißt demnach tatsächlich Christian Müller. Als Geburtsdatum ist richtig der 23. Juli 1944 angegeben. Nur den Geburtsort haben die Fälscher mit Vorbedacht von Prenzlau nach Berlin verlegt. 1959 wird Christian in die erweiterte Oberschule aufgenommen. Nach einem guten Abitur, bekommt er zu hören, winke womöglich ein Studienplatz in Moskau bei der Komintern.

 

Doch dann beginnt am 16. November 1960 mit einem Donnerschlag das dritte Leben des Christian Dertinger. „Heinz“ kommt nach Schönebeck, um eine Nachricht zu überbringen: „Deine Mutter ist wieder aus dem Gefängnis und verlangt dich zurück. Du musst nach Annaberg.“ Der heute 58-Jährige erinnert sich an diese Szene so: „Mir wurde schlecht.“ Und: „Den Rest des Tages und den nächsten Tag erlebte ich nicht mehr. Ich hatte einen totalen Filmriss.“ Im Erzgebirge angekommen, ist er „wie gelähmt, mit dieser fremden Frau konnte ich nichts anfangen“. Er erfährt nun, dass es eine Familie Müller in Berlin nie für ihn gegeben hat, dass die Eltern seiner Kindheit immer seine Eltern waren und seine Geschwister, mit denen er aufgewachsen ist, wirklich seine Geschwister sind.

 

Die Pflegeeltern in Schönebeck, deren einziger Sohn im Krieg gefallen war, können den Verlust des ihnen ans Herz gewachsenen Pflegekindes, über dessen wahre Herkunft man vermutlich auch sie belogen hat, nicht verwinden. Tante Lieschen stirbt schon nach wenigen Wochen. Zu ihrer Beerdigung kommt auch „Heinz“ angereist. Christian begegnet ihm hier zum letzten Mal. Als er Ostern 1961 noch einmal in Schönebeck ist, kann er mit Onkel Emil „hemmungslos weinen“. Drei Monate später nimmt Onkel Emil sich das Leben.

 

Nach Vorlage einer brandneuen Geburtsurkunde erhält Christian einen Ausweis, der nun auf seinen alten, richtigen Namen ausgestellt ist. Erst jetzt erfährt er vom Schicksal seiner Eltern. Den Vater, der alle Vierteljahr einmal Besuch empfangen darf, sieht er im Zuchthaus BautzenII wieder. „Da stand er vor mir. Fast unverändert, das Haar war etwas grauer, und er war etwas schlanker als in meiner Erinnerung. Aber das Strahlen in seinen blauen Augen, wie immer. Wir lagen uns in den Armen. Alles ging plötzlich so leicht, den Aufpasser nahm ich gar nicht mehr wahr. Was sollten wir reden? Wir sprachen über die Schule, das Abitur, über meine Mutter und Großmutter, über meine Freunde.“

 

Der endlich heimgekehrte verlorene Sohn studiert nach dem 1963 bestandenen Abitur Theologie und Philosophie. Als er sich verliebt, ändert er seine Lebensplanung und sattelt um. Die Hochschule für Bauwesen in Leipzig verlässt er als Diplomingenieur und schließt ein Zusatzstudium der Elektrotechnik und Elektronik an. Er wird Programmierer in einem staatlichen Betrieb. Nach der Wende tritt er in leitender Stellung in eine Firma ein, die 1993 abgewickelt wird. Seitdem ist Christian Dertinger, der heute mit seiner Familie in Leipzig lebt, als freier Mitarbeiter für Versicherungen tätig.

 

Hat er den Identitätsbruch verkraftet? Nein, sagt er mir, ganz ist das kaum zu schaffen. Als er jüngst seine Geschichte niederschrieb (nachzulesen in dem Band Wenn der Morgen einen neuen Tag verspricht, herausgegeben von Gottfried Hänisch, Weimar 2002), habe ihn das „schon ganz schön bewegt“. Ähnliches empfinde er, wenn ihn die alten Klassenkameraden aus Schönebeck heute noch Christian Müller nennen. Aber damals einen Ausreiseantrag zu stellen und die DDR zu verlassen, das sei nicht seine Sache gewesen. „Wir wollten nicht, denn wo wir unseren Platz behaupten, ist kein Platz für totalitäre Bedrücker.“

 

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin

 

 

 

 

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