Peter Funk-Ziert geb. 5.2.1909 in Köln, erschossen 29.12.1937 in Moskau

5 Feb
Plakat mit Foto für die Gedenkwand während der "Woche des Gewissens", angefertigt von P. Funk-Zierts Tochter Tatjana Sagorje mit dem Aufruf an alle, die ihren Vater kannten, sich bei ihr zu melden. Moskau, November 1988. Quelle: Archiv NIPZ "Memorial".

Plakat mit Foto für die Gedenkwand während der Woche des Gewissens, angefertigt von P. Funk-Zierts Tochter Tatjana Sagorje mit dem Aufruf an alle, die ihren Vater kannten, sich bei ihr zu melden. Moskau, November 1988. Quelle: Archiv NIPZ Memorial.

05.02.1909

In Troisdorf bei Köln in Arbeiterfamilie geboren.
Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, Mitglied der KPD, politischer Flüchtling (wegen Sabotage im Betrieb).

1933

Emigration in die UdSSR auf nachdrücklichen Wunsch der Komintern. Arbeitet als Schlosser in einem Moskauer Betrieb.

August 1937

Verhaftung

23.12.1937

Verurteilung durch eine so genannte „Dwoika“ (Kommission des NKWD und der Staatsanwaltschaft) wegen „Spionage, Diversion, terroristischer und konterrevolutionärer Tätigkeit zugunsten Deutschlands und Verrats heimlicher Spionagekenntnisse an den deutschen Geheimdienst“ zum Tod durch Erschießen.

29.12.1937

In Moskau erschossen und auf dem Friedhof Butowo beigesetzt.
An die Verwandten ergeht die Mitteilung über ein Strafmaß von 10 Jahren Lagerhaft ohne Recht auf Briefwechsel.

Sie erhalten später eine Todesurkunde mit dem gefälschten Todesdatum vom 22.01.1942.

11.11.1957

Rehabilitierung

Plakat mit Foto für die Gedenkwand während der „;Woche des Gewissens“ angefertigt von P. Funk-Zierts Tochter Tatjana Sagorje mit dem Aufruf an alle, die ihren Vater kannten, sich bei ihr zu melden. Moskau, November 1988.
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Die 5 Todesopfer vom 17. Januar 1937

17 Jan

An diesem Tag entscheid sich das frühe Ende von fünf Einwanderern nach „Sowjetrussland“. Sie kamen als Freunde, und wurden an diesem Tag verhaftet, oder verurteilt.

Als „Faschisten, Konterrevolutionäre oder Spione“. Aus Frankfurt am Main, aus Wien, aus Riga, aus Polen und aus Hamburg.

VERGESST SIE NICHT!

 

Rigutini, Ernesto (Vater Silvio), geb. 1898 in Frankfurt/Main, Deutscher, Sohn eines Lehrers, mittlere Bildung, parteilos; Kunstmaler im biologischen Mu-seum »Timirjazev«, wohnhaft in Siedlung Krylatskoe 165, Kuncevo, Moskauer Gebiet. Verhaftet am 17. Januar 1938; beschuldigt der Zugehörigkeit zu einer faschistischen Organisation, konterrevolutionärer Tätigkeit gegen die Sowjet-macht und der Verbindungen zu Deutschen, Italienern und Letten, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 23. März 1938 zum Tode verurteilt, am 7. April 1938 erschossen. Rehabilitiert am 14. September 1989. Bestattungsort Butovo.

 

Hebert/Gebert? (russ. Gebert), Karl (Koppert, Jan; Vater Theodor), geb. 1894 in Wien, Deutscher, aus einer Arbeiterfamilie, mittlere Bildung, parteilos; Me-chaniker im Werk »E · lektrostal’«, wohnhaft in der Werksiedlung 32, Moskauer Gebiet. Verhaftet am 17. Januar 1938; beschuldigt der Spionage für Deutsch-land, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 29. Juli 1938 zum Tode verurteilt, am 9. August 1938 erschossen. Rehabili-tiert am 9. Februar 1959. Bestattungsort Butovo.

 

Trepke, Alexander (Vater Paul), geb. 1898 in Riga, Deutscher, aus einer Inge-nieursfamilie, mittlere Bildung, parteilos; Architekt und Kunstmaler beim Me-troprojekt, wohnhaft in Moskau, ul. Kolodeznaja 5, Baracke 3 des ingenieur-technischen Personals. Verhaftet am 17. Januar 1938; beschuldigt der Spionage für Österreich und systematischer konterrevolutionärer antisowjetischer Pro-paganda, von der Kommission des NKVD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 23. März 1938 zum Tode verurteilt, am 7. April 1938 erschossen. Re-habilitiert am 4. Oktober 1989. Bestattungsort Butovo.

 

Weber, Karl (Vater Adolf), geb. 1894 in Polen, Deutscher, aus einer Arbeiterfa-milie, mittlere Bildung; Schlosser in der 1. Druckerei des Verlages »Transz ˇel-dorizdat«, wohnhaft in Moskau, ul. Krassina 7. Verhaftet am 17. Januar 1938; beschuldigt der Spionage, von der Kommission des NKVD und der Staats-anwaltschaft der UdSSR am 15. Februar 1938 zum Tode verurteilt, am 28. Fe-bruar 1938 erschossen. Rehabilitiert am 28. August 1958. Bestattungsort Butovo.

 

Passarge, Carl Albrecht (Allinger, Karl; als Autor Rieckmann, Deike), geb. am 27. Januar 1908 in Lübeck, wohnte in Hamburg, Lachnerstraße 1, emigrierte in die UdSSR. Am 12. Dezember 1937 verhaftet, am 17. Januar 1938 zum Tode verurteilt, am 29. Januar 1938 in Leningrad erschossen.

 

Der junge Arbeiter Alex Brzoska kam in die UdSSR als Freund, und wurde an die Nazis ausgeliefert. Am 14. Januar 1940 starb er im KZ Sachsenhausen.

14 Jan
Brzoska, Alex, * 1.8. 1902 in Friedrichshof Kr. Ortelsburg/Ostpr., + 12.1.1940 im KZ Sachsenhausen
Er wurde schon mit 6 Jahren Vollwaise, kam 1917 nach Gelsenkirchen, arbeitete seit November 1920 auf der Zeche Dahlbusch, später auf der Zeche Zollverein in Katernberg, wo er im September 1929 arbeitslos wurde. Am 1. 8.1930 ging er mit dem Sammeltransport in die Sowjetunion. Dort arbeitete er im Braunkohlen-Bergbau in Bobrik-Donskoi (später Stalinagorsk Ogel), Region Tula.
Er heiratete die Sowjetbürgerin Nathalie Yerschowa und hatte zwei Kinder mit ihr. Nach eigenem Bekunden war Brzoska sowohl in Deutschland wie in der SU politisch nicht engagiert.
Am 19.11.1937 wurde er verhaftet. Trotz Dauersteh-Folter legte er kein Geständnis ab. Am 23.2.1938 wurde ihm das Ausweisungsurteil wegen Spionage und Schädlingsarbeit mitgeteilt. Der Abschiebungstransport über Minsk zog sich bis zum 20.10.1938 hin. Er kam nach Königsberg, wurde dort zu einem bisher nicht bekannten Zeitpunkt verhaftet. Am 12. Januar 1940 starb er im KZ Sachsenhausen
Frau und Kinder gelangten nach Deutschland; sie lebten jedenfalls während des 2. Weltkrieges in Berlin-Charlottenburg.
Quellen: Auskunft Stadt Gelsenkirchen, Stammkarte Bundesknappschaft, PAAA Vernehmungen etc R 104552 (dort – bei offenkundiger Identität – Namensschreibung Broßka), Auskunft Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen v. 15.10.2001, gestützt auf Originalquelle JSU 1/96, Bl. 012 (Veränderungsmeldungen) und 1940 Sterbebuch-Nr. 0214 Standesamt Oranienburg, PAAA Vernehmungen etc R 104562 Rudolf und Maria Sobiech, mdl. Auskunft von Waltraud Bury-Sobiech, Gelsenkirchen-Rotthausen.

Dertinger, Georg, * 25. Dezember 1902 in Berlin; † 21. Januar 1968 in Leipzig

25 Dez

 Am 25.12. vor 113 Jahren wurde der erste Aussenminister der DDR und linke Christdemokrat geboren. Kurz nach seinem 50. Geburtstag wurde er unter fadenscheinigen Gründen verhaftet und als“ imperialistischer Agent“ zu 15 Jahren Bautzen verteilt. Mein Vater war mit ihm flüchtig befreundet und erzählte mir als Kind noch dass Märchen, er sei BND-Agent gewesen. Am brutalsten aber war die Behandlung seiner Kinder (15,13, und 8), die alle auch zunächst verhaftet wurden. Ein schauriges Kapitel DDR-Beitrag zu den Schauprozessen der 50er Jahre.

Wikipedia:

Georg Dertinger (* 25. Dezember 1902 in Berlin; † 21. Januar 1968 in Leipzig) war ein deutscher Politiker (DNVP, Ost-CDU). Er war Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.

Studium und Beruf

Er arbeitete nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft bei der Magdeburger Volkszeitung und später in der Magdeburger Redaktion der Bundeszeitung des Stahlhelm.

Mitgliedschaft bei der DNVP

Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Dertinger gehörte dem Deutschen Herrenklub an und hatte enge Kontakte zum Tat-Kreis Franz von Papens. Er begleitete Papen 1933 bei den Verhandlungen um das Konkordat zwischen Deutschem Reich und Heiligem Stuhl. Ab 1934 war er Mitarbeiter des Dienst aus Deutschland und verschiedener Provinzzeitungen.

Mitgliedschaft bei der Ost-CDU

Nach 1945 wurde Dertinger Mitglied der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) in der Sowjetischen Besatzungszone, gehörte ihrem Vorstand sowie dem Verfassungs- und Koordinierungsauschuss an.

Abgeordneter und Minister

Rede zur DDR-Gründung

Von 1949 bis 1953 war Dertinger Abgeordneter der Volkskammer und erster Minister für Auswärtige Angelegenheiten. Am 6. Juli 1950 unterzeichnete er als solcher das Görlitzer Abkommen mit Polen über die Oder-Neiße-Grenze

Politische Verfolgung

Am 15. Januar 1953 wurde Dertinger verhaftet und vom Obersten Gericht der DDR wegen angeblicher „Spionage und Verschwörung“ in einem Schauprozess zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bereits 1952 war Gerold Rummler, der persönliche Referent Dertingers, vom Staatssicherheitsdienst der DDR beauftragt worden, belastende Informationen über seinen Vorgesetzten zu sammeln und an das Ministerium für Staatssicherheit weiterzuleiten. Rummler floh daraufhin nach West-Berlin. Nach dem Prozess war Dertinger in Haft in der Justizvollzugsanstalt Bautzen. 1964 wurde er begnadigt und arbeitete danach für den St. Benno-Verlag in Leipzig.

 

Auch die Familie Dertingers wurde Opfer stalinistischer Verfolgung: Seine Ehefrau wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie auch verbüßen musste. Der damals mit 15 Jahren älteste Sohn Rudolf erhielt drei Jahre Zuchthaus nach Erwachsenenstrafrecht und flüchtete danach in den Westen, wo er Journalist wurde. Die 13-jährige Tochter Oktavia wurde nach der Haft in die Obhut der ebenfalls zunächst verhafteten und dann ins Erzgebirge verbannten Großmutter gegeben. Der damals neunjährige Christian[1] kam mit neuer Identität zu SED-treuen Pflegeeltern, wurde nach acht Jahren seiner freigelassenen Mutter zurückgegeben und konnte erst nach der Wende sein Schicksal erkunden. Er lebt heute in Leipzig.

 

Über die Verfolgung der Kinder berichtet die Zeit:

 

 

Georg Dertinger und die Seinen

Wie die DDR ihren ersten Außenminister und dessen Familie in den fünfziger Jahren vernichten wollte

 

VON Hartmut Jäckel

 

QUELLE (c) DIE ZEIT 20.02.2003 Nr.9

Das Jahr 1953, das in der Erinnerung der Deutschen auf lange Zeit mit dem Marsch streikender Bauarbeiter zur Stalinallee und dem Datum des 17.Juni verbunden bleiben wird, beginnt im Machtbereich der SED mit einer spektakulären Verhaftungsaktion. Sieben Wochen vor Stalins Tod, in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar, wird Georg Dertinger, seit Oktober 1949 Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, zusammen mit seiner Frau festgenommen.

 

Georg Dertinger ist heute weitgehend vergessen. Doch in seinem Schicksal und dem seiner Familie spiegeln sich die Aufbrüche und Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts wie in einem zeitgeschichtlichen Lehrstück. Es ist ein Stück, das noch in der Kaiserzeit beginnt. Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1902 wird Dertinger in eine katholische Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg, die Schlacht um Verdun hat eben begonnen, weiß der 13-Jährige, was er werden will: Infanterieoffizier. Er verlässt das Elternhaus und bezieht zunächst eine Kadettenanstalt im schleswig-holsteinischen Plön, dann die Hauptkadettenanstalt des preußischen Heeres in Groß-Lichterfelde, einer brandenburgischen Ortschaft, die erst 1920 ein Teil Berlins wird. (Heute befindet sich auf dem weitläufigen Gelände, das nach 1933 von der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ und von 1945 bis 1991 von der U. S. Army genutzt worden ist, die Berliner Außenstelle des Koblenzer Bundesarchivs.)

 

Als im November 1918 Krieg und Krone verloren sind, wird der preußische Fahnenjunker ziviler Schüler eines Lichterfelder Realgymnasiums. Nach dem Abitur studiert Dertinger an der Berliner Universität Jura und Volkswirtschaft, bricht das Studium aber 1923 ab, um Journalist zu werden. Von der Magdeburgischen Zeitung wechselt er 1925 als politischer Redakteur zur Zeitschrift Der Stahlhelm des gleichnamigen Bundes der Frontsoldaten, dessen Ehrenpräsident der Generalfeldmarschall a.D. Paul von Hindenburg ist. 1928 kehrt Dertinger als Berliner Korrespondent mehrerer deutscher Blätter in die Hauptstadt zurück. Er wohnt in Schöneberg gleich hinter dem Kleistpark und firmiert im Telefonbuch, was damals nur in der Rechtspresse üblich ist, als Schriftleiter. Aber rechts steht er ja auch, der junge Dertinger, der sich alsbald der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) anschließt, genauer: dem im Januar 1930 von Hugenbergs Gegenspieler Gottfried Treviranus gebildeten Parteiflügel, der sich „Volkskonservative Vereinigung“ nennt. Dertinger verkehrt im „Herrenclub“ des Zentrumspolitikers und späteren Reichskanzlers Franz von Papen und pflegt Kontakte zum rechtskonservativen „Tatkreis“ des Publizisten Hans Zehrer.

 

Die CDU dankt ergebenst für die Verhaftung ihres Vorsitzenden

 

Nach Hitlers Machtantritt begleitet Dertinger von Papen, der sich im Juni 1932 vom Zentrum gelöst hat und bis Anfang August 1934 als Vizekanzler der „Regierung der nationalen Konzentration“ amtiert, zu den Verhandlungen über das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl. Für eine NS-Karriere ist der kirchlich und konservativ gesinnte Journalist nicht geschaffen. Er findet seine berufliche Nische bei der Pressekorrespondenz Dienst aus Deutschland, der die grenzüberschreitende Verbreitung von Nachrichten aus dem Reich obliegt. Der Dienst wird, um ihm einen Anschein von Objektivität zu verleihen, nicht von Joseph Goebbels’ Propagandaministerium, sondern von einem „Auslandspressebüro“ herausgegeben, das dem eher blassen „Reichspressechef“ Otto Dietrich untersteht.

 

Als verantwortlicher Schriftleiter zählt der parteilose Dertinger bis 1945 zu den unauffälligen Stützen des Regimes. Eigene Artikel hat er im „Dritten Reich“ nicht mehr veröffentlicht. Dass er die NS-Herrschaft innerlich ablehnt, belegt sein vertrauter Umgang mit Männern, die zum katholischen Widerstand zählen: mit Jakob Kaiser, Heinrich Krone, Otto Lenz und dem 1944 hingerichteten Josef Wirmer. Ernst Lemmer, bis 1933 Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und später Bundesminister in drei Kabinetten Konrad Adenauers, erinnert sich 1968 in seinem Memoirenband Manches war doch anders, Dertinger damals in einem „Freundeskreis von Journalisten“ begegnet zu sein, „die mit unbedingter Offenheit miteinander diskutierten und von denen keiner Nationalsozialist war“. Als das Haus, das Dertinger nach seiner Hochzeit in Kleinmachnow vor den Toren Berlins bezogen hatte, im Februar 1943 den Bomben zum Opfer fällt, siedelt die Frau mit den Kindern in die brandenburgische Provinz über, nach Prenzlau.

 

Wenige Wochen nach Kriegsende tritt Georg Dertinger als Mitgründer und Sprecher der Berliner CDU öffentlich in Erscheinung. Fast vier Jahre, von Januar 1946 bis Oktober 1949, amtiert er als Generalsekretär der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone. Zielstrebig betreibt er die von der SED geforderte Gleichschaltung seiner Partei. Er sucht den Konflikt mit dem freiheitlich gesinnten Vorsitzenden Jakob Kaiser und erreicht im Dezember 1947 dessen Absetzung. Fortan dient die von dem Journalisten und ehemaligen DDP-Mann Otto Nuschke und Dertinger gemeinsam geführte Ost-CDU nur mehr als Feigenblatt, um die Alleinherrschaft der SED zu kaschieren. Frühzeitig tritt Dertinger auch für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnische Friedensgrenze ein, und ohne Zögern akzeptiert er die Einbindung der CDU in die „Nationale Front“, die fortan sämtliche Wahlen zur Farce werden lässt. Das alles empfiehlt ihn zu Höherem.

 

Am 12. Oktober 1949 wird der Christdemokrat als Minister für Auswärtige Angelegenheiten in die erste Regierung der DDR unter Ministerpräsident Otto Grotewohl (SED, vormals SPD) berufen. Ulbricht soll dieser Berufung nur widerwillig zugestimmt haben. Drei volle Jahre versieht Dertinger das wenig einflussreiche Ministeramt. Zur Feier seines 50. Geburtstages am 25. Dezember 1952 erscheinen Grotewohl und Wilhelm Pieck, der Staatspräsident. Doch nur wenige Tage später meldet ADN, die staatliche Nachrichtenagentur der DDR, das Freund und Feind gleichermaßen überraschende Ende einer steilen Karriere: Dertinger, heißt es in der Meldung, sei aufgrund seiner feindlichen Tätigkeit im Auftrage „imperialistischer Spionagedienste“ verhaftet worden. Nicht einmal die Wendung „unter dem Verdacht“ wird ihm in der Verlautbarung zugebilligt.

 

Die aufgeschreckte Führung der Ost-CDU distanziert sich umgehend von ihrem stellvertretenden Vorsitzenden. Ungeprüft sieht sie die ihm zur Last gelegte „hinterhältige Spionage- und Zersetzungstätigkeit“ als erwiesen an und begrüßt die „Wachsamkeit unserer Sicherheitsorgane“. Die fast zeitgleich auf einer CDU-Tagung in Weimar gefasste Entschließung dokumentiert beschämende Unterwürfigkeit. „Das erweiterte Sekretariat der Parteileitung“, heißt es dort, „verurteilt mit größter Empörung Dertingers verräterisches Treiben. Er hat es durch beispiellose Doppelzüngigkeit verstanden, sich das Vertrauen der Partei und der demokratischen Kräfte in ganz Deutschland zu erschleichen, [und] schändlichen Verrat an der Partei und den hohen Zielen unseres nationalen Kampfes um Einheit und Frieden geübt.“ Das verbrecherische Verhalten müsse in seinem ganzen Ausmaß aufgedeckt werden. Im Eilverfahren schließt der Politische Ausschuss der CDU Dertinger aus der Partei aus und enthebt ihn sämtlicher Parteiämter.

 

Zum geschäftsführenden Außenminister beruft der Ministerrat Dertingers Staatssekretär, den Altkommunisten Anton Ackermann, Mitglied des ZK der SED, Kandidat des Politbüros und Direktor des Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts. Aber auch mit dieser Personalie hat Ulbricht kein Glück. Schon ein halbes Jahr später wird Ackermann im Zuge der Säuberungen nach dem 17. Juni seiner Partei- und Staatsämter enthoben. Ihm wird vorgeworfen, die „parteifeindliche Fraktion“ des Ministers für Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, und des Chefredakteurs des Parteiorgans Neues Deutschland , Rudolf Herrnstadt (beide SED), unterstützt zu haben.

 

Ein Solidaritätsbeitrag zu Stalins Schauprozessen

 

Anfang Juni 1954 verurteilt der 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR Dertinger und fünf Mitangeklagte, unter ihnen der schon im August 1952 verhaftete Staatssekretär im Ministerium der Justiz der DDR, „wegen Verbrechens gegen Art.6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik“ zu hohen Zuchthausstrafen. In Artikel6 wird das neuartige Delikt der „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen“ als Straftatbestand dekretiert. Dertinger, der mit 15 Jahren Zuchthaus die Höchststrafe erhält, wird vorgeworfen, seit 1948 Spionageverbindungen nicht nur zur West-CDU, namentlich über den im Bundeskanzleramt als Staatssekretär tätigen „Agenten Otto Lenz“, unterhalten zu haben, sondern auch zum amerikanischen und britischen Geheimdienst. Das Urteil listet 22 Themenbereiche auf, über die Dertinger fortgesetzt berichtet habe.

 

In einem Folgeprozess wird die Frau des abgesetzten Außenministers als Mittäterin zu acht und seine Sekretärin wegen Beihilfe zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die drakonische Abstrafung des bürgerlichen Politikers und der Menschen in seinem Umfeld kann auch als später Solidaritätsbeitrag der DDR zu den Schauprozessen in den sozialistischen Bruderstaaten gedeutet werden.

 

Maria Dertinger verbüßt ihre Strafe in Brandenburg-Görden und Halberstadt. Im November 1960 wird sie entlassen. Georg Dertinger sitzt im Zuchthaus Bautzen ein. Als er im Mai 1964 begnadigt wird, hat er fast elfeinhalb Jahre Haft hinter sich. In seinen letzten Lebensjahren ist er als Justitiar beim Leipziger St. Benno-Verlag und für die kirchliche Caritas tätig. Am 21. Januar 1968 stirbt Georg Dertinger, 65 Jahre alt, an einem Krebsleiden.

 

Dies ist freilich nur die eine, öffentlich sichtbare Hälfte der Geschichte, die hier erzählt wird. Die ungleich dunklere und weithin unbekannte andere Hälfte betrifft die drei Kinder des Ehepaares, namentlich ihren jüngsten Sohn. Christian ist acht Jahre alt, als seine Eltern zu nächtlicher Stunde in ihrem neuen Haus in Kleinmachnow, Ernst-Thälmannstr. 8, verhaftet werden. Alle Räume, alle Schränke und Schubladen und vor allem der Schreibtisch des Vaters werden von dem uniformierten Kommando lärmend durchsucht. Die Mutter verabschiedet sich an Christians Bett mit den Worten „Ich muss ganz plötzlich weg“ und mit dem Versprechen, bald wieder da zu sein.

 

Fast acht Jahre werden vergehen, bis der Junge seine Mutter wiedersieht. In all diesen Jahren gibt es keinen Brief und nicht einmal ein mittelbares Lebenszeichen von den über Nacht verschwundenen Eltern. Kein Verwandter oder Nachbar darf Christian zu sich nehmen. Der ältere, schon 16-jährige Bruder erhält vier Jahre Jugendstrafe. Die 13-jährige Schwester kommt zwar wie die Großmutter ohne Urteil davon; beide bleiben aber für lange Monate inhaftiert. Mit dem Achtjährigen hat der sozialistische Staat Größeres vor. Um ihn für immer dem schädlichen Einfluss von Menschen zu entziehen, die das friedliche Aufbauwerk der Kommunisten behindern, soll ihm zum Start in ein neues Leben eine neue Identität zuteil werden.

 

Nach etlichen Wochen in einem bewachten Quartier der Staatssicherheit in Pankow eröffnet ein Offizier namens „Heinz“, der später Christians Vormund wird, dem durch die Isolation zermürbten Jungen, er sei in Wahrheit eine Kriegswaise. Nach dem Krieg habe es viele Kinder ohne Eltern gegeben. Manche seien von anderen Familien aufgenommen und adoptiert worden. So sei es auch ihm ergangen. Er heiße zwar Christian, aber nicht Dertinger. „Du heißt Christian Müller.“ Und unter diesem, seinem richtigen Namen komme er nun, da es seine bisherigen Pflegeeltern nicht mehr gebe, in eine neue Familie. „Tante Lieschen und Onkel Emil möchten dich gerne an Kindes Statt annehmen.“ Die Frage, ob er denn auch die Geschwister und seine Oma nicht mehr wiedersehen dürfe, wird mit einigen Phrasen aus der sozialistischen Tugendlehre beantwortet.

 

Der Junge findet sich – was bleibt ihm anderes übrig? – mit diesen schockierenden und schmerzenden Auskünften ab. Zu „Heinz“, der ihm als selbstloser Helfer erscheint, fasst er Vertrauen. „So begann mein zweites Leben in Schönebeck an der Elbe bei Tante Lieschen und Onkel Emil. Ich kam in eine Großfamilie mit vielen Kindern, mit vielen Tieren, mit halber Landwirtschaft. Die Elblandschaft ist herrlich und ideal für heranwachsende Kinder. Im September begann die Schule wieder. Endlich hatte ich auch wieder Klassenkameraden, und mir wurde bewusst, dass mein Waisenschicksal gar nicht so selten war. Meine Erziehung war orthodox-kommunistisch.“ Nicht nur „Heinz“ ist bei der Stasi. „Ein Bruder von Tante Lieschen war Stasi-Chef von Magdeburg, ein anderer von Schönebeck.“

 

Die Jahre vergehen. Christians Entwicklung verläuft, so sieht er es selbst, „wie bei einem ganz normalen Kind“. Die Geschwister aus seinem früheren Leben ziehen 1957 in den Westen. Nach Schönebeck dringt diese Kunde nicht. Christian ist in der FDJ und geht zur Jugendweihe. Als der 14-Jährige 1958 einen Personalausweis beantragt, muss er eine Geburtsurkunde beibringen. Die hat er nicht. Aber er hat ja „Heinz“. Der sorgt dafür, dass schon nach ein paar Tagen ein Brief aus Berlin mit der standesamtlichen Urkunde eintrifft: Christian heißt demnach tatsächlich Christian Müller. Als Geburtsdatum ist richtig der 23. Juli 1944 angegeben. Nur den Geburtsort haben die Fälscher mit Vorbedacht von Prenzlau nach Berlin verlegt. 1959 wird Christian in die erweiterte Oberschule aufgenommen. Nach einem guten Abitur, bekommt er zu hören, winke womöglich ein Studienplatz in Moskau bei der Komintern.

 

Doch dann beginnt am 16. November 1960 mit einem Donnerschlag das dritte Leben des Christian Dertinger. „Heinz“ kommt nach Schönebeck, um eine Nachricht zu überbringen: „Deine Mutter ist wieder aus dem Gefängnis und verlangt dich zurück. Du musst nach Annaberg.“ Der heute 58-Jährige erinnert sich an diese Szene so: „Mir wurde schlecht.“ Und: „Den Rest des Tages und den nächsten Tag erlebte ich nicht mehr. Ich hatte einen totalen Filmriss.“ Im Erzgebirge angekommen, ist er „wie gelähmt, mit dieser fremden Frau konnte ich nichts anfangen“. Er erfährt nun, dass es eine Familie Müller in Berlin nie für ihn gegeben hat, dass die Eltern seiner Kindheit immer seine Eltern waren und seine Geschwister, mit denen er aufgewachsen ist, wirklich seine Geschwister sind.

 

Die Pflegeeltern in Schönebeck, deren einziger Sohn im Krieg gefallen war, können den Verlust des ihnen ans Herz gewachsenen Pflegekindes, über dessen wahre Herkunft man vermutlich auch sie belogen hat, nicht verwinden. Tante Lieschen stirbt schon nach wenigen Wochen. Zu ihrer Beerdigung kommt auch „Heinz“ angereist. Christian begegnet ihm hier zum letzten Mal. Als er Ostern 1961 noch einmal in Schönebeck ist, kann er mit Onkel Emil „hemmungslos weinen“. Drei Monate später nimmt Onkel Emil sich das Leben.

 

Nach Vorlage einer brandneuen Geburtsurkunde erhält Christian einen Ausweis, der nun auf seinen alten, richtigen Namen ausgestellt ist. Erst jetzt erfährt er vom Schicksal seiner Eltern. Den Vater, der alle Vierteljahr einmal Besuch empfangen darf, sieht er im Zuchthaus BautzenII wieder. „Da stand er vor mir. Fast unverändert, das Haar war etwas grauer, und er war etwas schlanker als in meiner Erinnerung. Aber das Strahlen in seinen blauen Augen, wie immer. Wir lagen uns in den Armen. Alles ging plötzlich so leicht, den Aufpasser nahm ich gar nicht mehr wahr. Was sollten wir reden? Wir sprachen über die Schule, das Abitur, über meine Mutter und Großmutter, über meine Freunde.“

 

Der endlich heimgekehrte verlorene Sohn studiert nach dem 1963 bestandenen Abitur Theologie und Philosophie. Als er sich verliebt, ändert er seine Lebensplanung und sattelt um. Die Hochschule für Bauwesen in Leipzig verlässt er als Diplomingenieur und schließt ein Zusatzstudium der Elektrotechnik und Elektronik an. Er wird Programmierer in einem staatlichen Betrieb. Nach der Wende tritt er in leitender Stellung in eine Firma ein, die 1993 abgewickelt wird. Seitdem ist Christian Dertinger, der heute mit seiner Familie in Leipzig lebt, als freier Mitarbeiter für Versicherungen tätig.

 

Hat er den Identitätsbruch verkraftet? Nein, sagt er mir, ganz ist das kaum zu schaffen. Als er jüngst seine Geschichte niederschrieb (nachzulesen in dem Band Wenn der Morgen einen neuen Tag verspricht, herausgegeben von Gottfried Hänisch, Weimar 2002), habe ihn das „schon ganz schön bewegt“. Ähnliches empfinde er, wenn ihn die alten Klassenkameraden aus Schönebeck heute noch Christian Müller nennen. Aber damals einen Ausreiseantrag zu stellen und die DDR zu verlassen, das sei nicht seine Sache gewesen. „Wir wollten nicht, denn wo wir unseren Platz behaupten, ist kein Platz für totalitäre Bedrücker.“

 

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin

 

 

 

 

Alfred Schmidt (* 24. November 1891; † 9. Oktober 1985

27 Nov

Aus Wikipedia:

Alfred Schmidt (* 24. November 1891 in Wintersdorf; † 9. Oktober 1985 in Frankfurt/Main) war ein kommunistischer Politiker und Gewerkschafter.

Alfred Schmidt war eines von zwölf Kindern eines Schuhmachers. Im Alter von 17 Jahren trat er in die Gewerkschaft ein, ein Jahr später folgte der Eintritt in die SPD. Er konnte keinen Beruf erlernen, da seine Familie das Lehrgeld nicht aufbringen konnte. So war er zunächst ungelernter Arbeiter in einer Brauerei, anschließend Rangierer bei der Bahn. Von 1912 bis 1918 war er Soldat, davon vier Jahre an der Front. Er schloss sich dem Spartakusbund an und wurde 1917 Mitglied der USPD. 1919 trat er der Eisenbahnergewerkschaft und der KPD bei. Wegen seiner illegalen Parteiarbeit nach dem Verbot der KPD verbrachte er zweieinhalb Jahre in Haft. Von 1924 bis 1928 war er Landtagsabgeordneter in Thüringen, Vorsitzender der KPD in Erfurt, Mitglied der Unterbezirksleitung und Stadtverordneter.

1928 wurde er für die KPD in den preußischen Landtag gewählt. Schmidt opponierte gegen die neue ultralinke Politik der KPD. Er bekämpfte die RGO-Politik und engagierte sich für die Einheitsfront von Kommunisten und Sozialdemokraten gegen den Nationalsozialismus. Im Dezember 1928 folgte sein Ausschluss aus der KPD. Er trat daraufhin der Kommunistischen Partei-Opposition bei, in der er Mitglied der Bezirks- und der Reichsleitung wurde. Trotz seines Ausschlusses aus der KPD behielt er sein Mandat bis zur Neuwahl des Landtages im Jahr 1932.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 leitete Alfred Schmidt die illegale Arbeit im Erfurter Unterbezirk. 1934 wurde er erstmals verhaftet und verbrachte zwei Monate im Gefängnis. Vom August 1935 bis Mai 1939 folgte eine erneute Inhaftierung in den Konzentrationslagern Esterwegen (im norddeutschen Moor) und Sachsenhausen. Später nahm Schmidt erneut Verbindung mit Otto Engert und dessen Gruppe auf und organisierte 1943/44 u. a. mit Georg Schumann eine Widerstandsgruppe in Leipzig, deren Plattform er gemeinsam mit seinen KPO-Genossen verfasste. Sie waren „alte“ Kommunisten und lehnten den neuen Kurs der KPD ab, die (neu orientiert) eine Volksfront mit den demokratischen Teilen der deutschen Bourgeoisie anstrebte. Seinen Lebensunterhalt verdiente Schmidt nach der KZ-Internierung als Kohlenträger und Bauarbeiter.

1945 gehörte er zu denen, die von der ersten Stunde an den Sozialismus aufbauen wollten. Schmidt wurde wieder Mitglied der KPD und nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946 Mitglied der SED. Am 1. November 1945 wurde er zum Landesleiter derGewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten gewählt. Jedoch folgten bald erste Repressionsmaßnahmen gegen ehemalige Mitglieder der KPD-O, die auch als „Brandleristen“ bezeichnet wurden. Wegen seiner offenen Kritik an den Methoden der sowjetischen Besatzung wurde Alfred Schmidt am 31. August 1947 abgesetzt, aus der SED ausgeschlossen und am 6. Juli 1948 von der sowjetischen Militärpolizei verhaftet. Das Wirken der Parteikontrollgremien führte „wegen antisowjeischer Propaganda“ am 2. Dezember 1948 zu Schmidts Verurteilung zum Tode durch ein sowjetisches Militärtribunal. Dieses Todesurteil wurde dann auf 25 Jahre Arbeitslager „gemildert“, Schmidt verbüßte seine Strafe zuerst in der SMT-Strafvollzugsanstalt in der Justizvollzugsanstalt Bautzen und wurde danach in die Sowjetunion gebracht.

Alfred Schmidt hatte 1945/46 gehofft, die Führung der SED hätte aus den Fehlern der KPD aus der Zeit vor 1933 gelernt und würde mit den Werktätigen ein sozialistisches Deutschland aufbauen, das dann der Sowjetunion in „proletarischer Solidarität“ beim Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Deutsch-Sowjetischen Kriegs helfen könnte. Er ging davon aus, dass dies nur möglich wäre, wenn die Fabriken nicht demontiert würden und die Werktätigen genügend zum Essen hätten. Diese Vorstellungen widersprachen Stalins Besatzungspolitik.

Nach über acht Jahren Haft wurde er – infolge des Chruschtschowschen Tauwetters (M.O.: und des Adenauer-Besuchs) – am 25. Juli 1956 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Dort traf Schmidt seine Frau wieder, die 1954 die DDR verlassen hatte. Er fand Arbeit in den Werken Salzgitter und begann wieder politisch in der Gruppe Arbeiterpolitik mitzuarbeiten.

In Bautzen hatte er Schwierigkeiten mit antikommunistischen Mithäftlingen, weil er sich auch in der Haft als Kommunist bekannte. Daher wurde er nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik von einem ehemaligen Mithäftling denunziert, mit dem Hinweis, Schmidt sei durchaus imstande, für die Staatssicherheit der DDR und den KGB geheimdienstlich zu arbeiten. Er wurde deswegen mehrmals verhört, doch das Verfahren gegen ihn wurde vom Generalbundesanwalt am 19. Januar 1959 eingestellt. Schmidt blieb weiterhin Kommunist. Seine letzten Jahre verlebte er in einem Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt/Main.

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Und ein Artikel anlässlich seines 130. Geburtstages

Auch einen Monat nach seinem 120. Geburtstag erinnert sich die Linke seiner nicht: dem in Frankfurt 1985 gestorbenen Alfred Schmidt – zu dem Namen fällt manchen nur der Adorno/Horkheimer-Schüler gleichen Namens ein, ein seit 1999 emeritierte Professor in Frankfurt am Main. Jener Alfred Schmidt fehlt auch im „Lexikon linker Leitfiguren“, das Edmund Jacoby 1988 für die Büchergilde Gutenberg herausgab.

„Mein“ Alfred Schmidt, geboren am 24. November 1891, war ein kommunistischer Politiker und Gewerkschafter (VSA-Buchumschlag-Foto links: mittlere Bildreihe, zweiter von rechts). Nur an entlegener Stelle, in „Leipzigs Neue“ (jetzt nachgedruckt in „Arbeiterstimme“) war eine knappe Würdigung zum Hundertzwanzigsten zu finden.

Ich, Sohn eines Thüringer Schuhmachers, der ebenfalls noch in den neunziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts geboren war, sah in Schmidt einst einen Wunsch-Ersatzvater. Mein früh verstorbender Vater war nach Teilnahme am Ersten Weltkrieg, den er blutjung in französischen Stahlgewittern (kriegsversehrt) überlebte, in Eisenach auf der Rechten engagiert; Schmidt, ebenfalls Kind eines Schuhmachers, trat in Thüringen schon als Jugendlicher Gewerkschaft und SPD bei. Wie mein Vater arbeitete er vorübergehend als Bahnarbeiter. Aber Schmidt war links engagiert, in Spartakusbund, USPD und KPD, was ihm schon früh über zwei Jahre Haft bescherte. Von 1924 bis 1928 war er Landtagsabgeordneter in Thüringen, Vorsitzender der KPD in Erfurt, Mitglied der Unterbezirksleitung und Stadtverordneter. 1928 wurde er für die KPD in den preußischen Landtag gewählt. Wegen seiner Opposition gegen die ultralinke KPD-Politik, die für die „Revolutionäre Gewerkschaftsopposition“ und gegen die „Sozialfaschisten“ der SPD, angeblich gefährlichere Leute als die Nazis, agitierte, wurde er schon im Dezember desselben Jahres aus der KPD ausgeschlossen. In der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) avancierte er zum Mitglied von Bezirks- und Reichsleitung und nahm als deren Vertreter sein Landtagsmandat bis 1932 wahr. Zu der Zeit wirkte mein Vater in der National-Sozialistischen Kriegsopfer-Versorgung.

Es war am 3. September 1981, als ich Alfred Schmidt in Frankfurt in der Wegscheidestraße 21 zum ersten Mal besuchte – anfangs redeten wir, obwohl aktuelle soziale Bewegungen uns zusammengeführt hatten, nur über Vergangenes: über das Leben Alfred Schmidts. Das war so faszinierend, daß das Treffen am 1. Oktober 1981 von 16 bis 21 Uhr dauerte – bis der alte Genosse seine Ruhe brauchte und mich rücksichtslos-neugierigen Jungen freundlich nach Hause schickte, auf weitere Treffen vertröstend. Für eine Weile wurden daraus vierzehntägige, manchmal monatliche Treffen (mit anderen), fast immer donnerstags, und dann zu aktuellen Themen wie „Friedensbewegung“ oder „Arbeiterbewegung Solidarność in Polen“ oder seinen Schreibmaschinentexten.

Hätte ich damals ahnen können, daß ein Jahrzehnt Deutschland wieder vereinigt sein und ich selbst in Jena landen würde, so hätte unser Gespräch über Schmidts Jenaer Treffen mit Karl Korsch („ach ja, der wirre Professor“) noch viel länger gedauert…

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 leitete Alfred Schmidt die illegale Arbeit im Erfurter Unterbezirk. 1934 erste, 1935/1939 erneute Inhaftierung in den KZ Esterwegen und Sachsenhausen. 1943/44 organisierte er mit Georg Schumann den Widerstand in Leipzig, als Kohlenträger und Bauarbeiter arbeitend. 1945 wieder KPD-Mitglied, ab1946 SED. Am 1. November 1945 Landesleiter der Gewerkschaft „Nahrung, Genuß und Gaststättengewerbe“ und Zweiter Vorsitzenden dieser Gewerkschaft in der SBZ. (Vielleicht würdigt die NGG Thüringen ihn jetzt wenigstens auf ihrer Homepage – ich biete diesen Artikel an.) Wegen Kritik an der sowjetischen Besatzungs- und Reparationspolitik am 31. August 1947 abgesetzt, aus der SED ausgeschlossen und Tage später, am 6. Juli 1948, von der sowjetischen Militärpolizei verhaftet. Wegen „antisowjetischer Propaganda“ am 2. Dezember 1948 durch ein sowjetisches Militärtribunal zum Tode verurteilt. Später wurde das Todesurteil umgewandelt in die Strafe 25 Jahre Arbeitslager – so kam Schmidt ins „Vaterland aller Werktätigen“.

Mit Alfred Schmidt saß mir jemand gegenüber, den „seine Genossen“ schärfer bestraft hatten als er je für seine kommunistische Tätigkeit in der Weimarer Republik UND unter Hitler belangt worden war. Drei Regime hatten dem Freiheitskämpfer über 15 Jahre seiner Freiheit, seines Lebens geraubt. Die Entstalinisierung auf dem XX. Parteitag der KPdSU brachte auch ihm die Freiheit: Nach über acht Jahren Haft wurde er 1956 entlassen – in die Bundesrepublik Deutschland, zu seiner Frau, die 1954 die DDR verlassen hatte. Er arbeitete in den Salzgitter-Hüttenwerken und kämpfte weiterhin für Freiheit und soziale Emanzipation, seinen alten Idealen treu. Sein Zuhause, wo ich ihn in den Achtzigern traf, hatte er nach der Verrentung im „roten Hessen“ gefunden, im Milieu der Sozialdemokratie: ein Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt-Preungesheim.

Irgendwann schenkte Alfred mir die von Wolfgang Benz und Hermann Graml herausgegebenen Erinnerung von Curt Geyer: „Die revolutionäre Illusion – Zur Geschichte des linken Flügels der USPD“ (Stuttgart 1976); ein für mich wegweisendes, desillusionierendes Buch – mit den Anstreichungen Alfred Schmidts.

 

 

Die 9 am 19. November 1937 in Leningrad zum Tode verurteilten deutschen AntifaschistInnen

16 Nov

Sie kamen aus Berlin, Schmiedeberg im Osterzgebirge, aus Brandenburg an der Havel, aus Jena, Kassel oder Neckarsulm. Sie waren zwischen 31 und 43 Jahren. Sie waren Schleifer, Heizer Fräser, Transportarbeiter, Deutschlehrerin oder Instrukteurin der medizinischen Verwaltung. Alle kamen sie aus Deutschland in die junge Sowjetunion, um beim „Aufbau der Sowjetmacht“ zu helfen. Alle wohnten zuletzt in Leningrad. Alle wurden sie am 19. November 1937 vor 76 Jahren zum Tode verurteilt und wenige Tage später erschossen.

Wer gedenkt ihrer an ihren Heimatorten? Wer erzählt ihre Lebensgeschichte, damit sich dieses Gräuel „im Namen des Sozialismus“ nie wiederholt?

1.

Beil, Otto (Vater Gustav), geb. 1895 in Schmiedeberg; Schleifer, wohnhaft in

Leningrad, ul. Polosova 17. Verhaftet am 6. November 1937; vom Staatsanwalt

und dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader Gebiet am 19. November

1937 verurteilt, am 24. November 1937 erschossen. Bestattungsort Levas

ˇovo/Leningrad.

2.

Dobranitzkaja, Susanne (geb. Wansleben; Vater Philipp), geb. 1896 in Berlin,

1926-1930 KPD, 1930-1936 KPdSU; Deutschlehrerin, wohnhaft in Leningrad,

  1. Krasnoarmejskaja 1/33. Verhaftet am 16. Oktober 1937, vom Staatsanwalt

und dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader Gebiet am 19. November

1937 zum Tode verurteilt, am 24. November 1937 erschossen. Bestattungsort

Levasˇovo/Leningrad.

3.

Ebner, Franz (Vater Karl), geb. 1894; Heizer, wohnhaft in Leningrad, proezd

Ogorodnikova 11/3. Verhaftet am 3. September 1937; vom Staatsanwalt und

dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader Gebiet am 19. November 1937 zum Tode verurteilt, am 24. November 1937 erschossen. Bestattungsort Levasˇovo/Leningrad.

4.

Finger, Karl (Vater Karl), geb. in Brandenburg; Invalide, wohnhaft in Pusˇkin,

  1. Krasnoj Artilerii 20, Leningrader Gebiet. Verhaftet am 9. Juli 1937, vom

Staatsanwalt und dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader Gebiet

am 19. November 1937 zum Tode verurteilt, am 24. November 1937 erschossen.

Bestattungsort Levasˇovo/Leningrad.

5.

Handwerk, Otto (Vater Otto), geb. 1905 in Jena, zuletzt Mitglied der KPdSU;

Fräser, wohnhaft in Leningrad, ul. Detskaja 3. Verhaftet am 4. November 1937,

vom Staatsanwalt und dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader

Gebiet am 19. November 1937 zum Tode verurteilt, am 24. November 1937 erschossen.

Bestattungsort Levasˇovo/Leningrad.

6.

Kisser, Rudolf (Vater Gustav), geb. 1906 in Polen; Invalide, wohnhaft in Leningrad,

  1. Kalinina 40/6. Verhaftet am 23. September 1937, vom Staatsanwalt

und dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader Gebiet am 19. November

1937 zum Tode verurteilt, am 24. November 1937 erschossen. Bestattungsort

Levasˇovo/Leningrad.

7.

Kolberg, Elsa (Vater Heinrich), geb. 1898 in Kassel, 1924-1937 KPdSU, Instrukteurin

der medizinischen Verwaltung, wohnhaft in Toskovo, Leningrader

Gebiet. Verhaftet am 9. Juli 1937, vom Staatsanwalt und dem Chef der NKVD

Verwaltung für das Leningrader Gebiet am 19. November 1937 zum Tode verurteilt,

am 24. November 1937 erschossen. Bestattungsort Levasˇovo/Leningrad.

8.

Pischel, Wilhelm (Vater Wilhelm), geb. 1893 in Neckarsulm; Transportarbeiter,

wohnhaft in Leningrad, Malyj proezd 39. Verhaftet am 10. November 1936,

vom Militärtribunal des Leningrader Militärbezirks am 8. September 1937

zum Tode verurteilt, am 19. November 1937 erschossen. Bestattungsort Levasovo/Leningrad.

9.

Sannek, Otto (Vater August), geb. 1894 in Berlin; Dreher, wohnhaft in Leningrad,

  1. Detskaja 3. Verhaftet am 5. November 1937, vom Staatsanwalt und

dem Chef der NKVD-Verwaltung für das Leningrader Gebiet am 19. November

1937 zum Tode verurteilt, am 24. November 1937 erschossen. Bestattungsort

Levasˇovo/Leningrad.

Quelle: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Texte 27, Urlaub Lehner, Natalia Mussenko,

verurteilt zur Höchststrafe: Tod durch erschießen

Todesopfer aus Deutschland und deutscher Nationalität im großen Terror in der Sowjetunion 1937/1938

ISBN 3 – 320 – 02080 – 3

Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2006

Ernst Busse (* 24. November 1897 in Solingen; † 11. November 1952 im Lager in Workuta)

11 Nov

Ernst Busse (* 24. November 1897 in Solingen; † 11. November 1952 im Lager in Workuta) war ein deutscher Politiker (KPD), Reichstagsabgeordneter und thüringischer Innenminister.

Leben

Busse wuchs in den armen Verhältnissen einer Solinger Familie von Messer- und Scherenschleifern auf. Schon früh engagierte er sich politisch, zunächst bei der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), dann auch beim Deutschen Metallarbeiterverband (DMV). An der Teilnahme am Ersten Weltkrieg hinderte ihn seine Lungentuberkulose, eine typische Berufskrankheit der Solinger Schleifer. Busse war deswegen als Erntearbeiter beschäftigt.

Der KPD trat er sofort nach ihrer Gründung bei, wurde Mitglied der Bezirksleitung und schrieb als Arbeiterkorrespondent und Volontär für die Bergische Arbeiterstimme. Gleichzeitig übernahm er Funktionen im DMV.

Seit 1925 war Busse hauptberuflich Gewerkschaftsfunktionär in Mönchengladbach und ab 1931 in Köln Bezirksleiter der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO). Als Politiker der KPD war er Stadtverordneter in Viersen und wurde 1932 in den Reichstag gewählt.[1]

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte Busse seine politischen und gewerkschaftlichen Tätigkeiten als RGO-Bezirksleiter in Erfurt illegal fort. Später wurde Busse verhaftet. Am 12. November 1934 wurde Busse wegen „Vorbereitung des Hochverrats“ (er hatte Flugblätter verteilt) und „Neubildung von Parteien“ zu drei Jahren Zuchthausverurteilt. Nach Verbüßung der Haft in Kassel und Köln wurde er in das KZ Lichtenburg eingewiesen und nach dessen Auflösung 1937 in das KZ Buchenwald. Dort war er von Anfang an als Funktionshäftling eingesetzt, zunächst als Blockältester. Busse wurde 1939 Lagerältester II und 1940 Lagerältester I. Ab 1942 war Busse Kapo im Häftlingskrankenbau. In Buchenwald war Busse einer der wichtigsten Köpfe des illegalen Lagerkomitees.[1] In Buchenwald war es den kommunistischen Häftlingen gelungen, fast alle Funktionsstellungen zu erhalten, damit hatten sie die innere Verwaltung des Konzentrationslagers in ihre Hand gebracht. Allerdings hatten sie gegenüber der SS keine wirkliche Macht und konnten nur verhältnismäßig wenig für das Wohl ihrer Parteigenossen und der anderen Häftlinge tun, um den Preis einer Zusammenarbeit mit der SS.

Nach der Befreiung des KZ Buchenwald im April 1945 setzten die US-amerikanischen Militärbehörden Busse als Leiter des Landesarbeitsamtes in Erfurt ein. Nachdem die Amerikaner Thüringen räumten und die sowjetischen Truppen das Land besetzten wurde er am 16. Juli 1945 Innenminister in der thüringischen Landesregierung und stellvertretender Ministerpräsident. Diese Stelle behielt er auch, nachdem Thüringen Teil der sowjetischen Besatzungszone wurde.[1]

Bereits im Oktober 1946 gab es eine erste Untersuchung der SED gegen Busse – er war von ehemaligen Mithäftlingen denunziert worden, die sich von ihm schlecht behandelt fühlten. Ähnliche Parteiverfahren wiederholten sich, man warf Busse vor, er habe zu eng mit der SS zusammengearbeitet und nicht genug für die Rettung der sowjetischen Kriegsgefangenen in Buchenwald getan. Wahrscheinlich geriet Busse in einen Machtkampf zwischen den in die Sowjetunion emigriertenehemaligen KPD-Mitgliedern, und jenen, die in Deutschland geblieben waren. Die Verhörprotokolle zeigen jedenfalls, dass die Untersuchenden keinerlei Versuch unternahmen, die Zwangslage der „roten Kapos“ zu verstehen.

Busse bekam in der nächsten Zeit immer unwichtigere Aufgaben zugewiesen. Im Mai 1947 schied er als Minister aus und wurde als 4. Vizepräsident der deutschen Verwaltung für Land- und Forstwirtschaft, als Leiter des Amtes für Bodenreform und ab August 1948 als Aufsichtsrat des Verbandes deutscher Konsumgenossenschaften eingesetzt.

Am 18. April 1950 wurde er zu einer Besprechung mit sowjetischen Stellen nach Karlshorst geladen, von der er nicht wieder zurückkehrte. Am 27. Februar 1951 wurde er vom Militärtribunal der Garnison des sowjetischen Sektors der Stadt Berlin als angeblicher Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb im Sonderlager Nr. 6 „Retschnoj“ (Flusslager) in Workuta, in der autonomen Republik Komi.

Am 31. März 1990 wurde er durch die Zentrale Schiedskommission der PDS rehabilitiert. Es wurde festgestellt, dass Busses Verfolgung Ausdruck stalinistischer Willkür sei. Von sowjetischer Seite erfolgte keine Rehabilitierung.

 

Literatur

Lutz Niethammer (Hg.) Der „gesäuberte“ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Dokumente.Akademie-Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-05-002647-2

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