Das schwere Leben des Leo Bauer

Und die Tragödie des organisierten Sozialismus seit der Weimarer Republik
Von Nina Grunenberg
Leo Bauer ist schon vor zwölf Jahren gestorben. Wer ihn kannte, hat ihn dennoch nicht vergessen. Dafür war seine Persönlichkeit zu fesselnd, zu eindrucksvoll, auch zu schillernd und – erschütternd. Nichts hätte die Wirkung dieses Mannes, der selber nie Geschichte machte, der von ihr nur ein Schicksal gemacht bekam, sinnfälliger beweisen können als die politische Biographie, die vier jüngere Wissenschaftler kürzlich über ihn veröffentlichten. Für die vier, die das „Prinzip links“ für sich in Anspruch nehmen, war die Arbeit daran ein Stück „echter eigener Trauerarbeit“ – weniger an der individuellen Lebensgeschichte Leo Bauers, sondern an „der Tragödie des organisierten Sozialismus in Deutschland seit der Weimarer Republik, insbesondere der radikalen linken Intelligenz“, aus der Leo Bauer kam:
P. Brandt, J. Schumacher, G. Schwarzrock, K. Sühl: „Karrieren eines Außenseiters, Leo Bauer zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie 1912 bis 1972“; Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1983; 360 S., 39,80 DM.
Vor den anrückenden Russen war die Familie im Ersten Weltkrieg nach Chemnitzgeflohen. Auf welche Weise Bauer seine politische Orientierung fand, die weder in dem Elternhaus noch in der Schule, einem unpolitischen sächsischen Realgymnasium, angelegt war, hat er selber nie hinreichend deutlich gemacht. Offenbar begriff sich der Knabe aber schon früh als Opfer der bestehenden Verhältnisse, die ihm von einem gewissen Alter an „wie ein Klotz am Bein“ hingen und ihm alle Wege zu verbauen schienen. Einleuchtende Erklärungen für das kulturelle und soziale Spannungsverhältnis, in dem der Junge stand und unter dem er litt, fand er offenbar in der Lektüre linksbürgerlicher und revolutionärer zeitgenössischer Autoren. Sie zeigten ihm nicht nur Wege zu radikaler Kritik und öffneten ihm Aussichten, sich in dieser Welt zu behaupten. Obendrein vermittelten sie ihm auch die „große Utopie der menschlichen Brüderlichkeit, der gesellschaftlichen Harmonie“,Die Prägung zum Außenseiter erhielt er schon durch seine Geburt. Er kam aus Ost-Galizien und stammte aus einer jüdischen Handwerkerfamilie, die in der Nazi-Zeit vollständig ausgerottet wurde. Er selber war der einzige Überlebende von etwa fünfzig Angehörigen, eine Tragödie, über die er zu niemandem sprach. In der Biographie heißt es: „Aber dieser Schweigepanzer hatte noch eine andere Bedeutung: er umklammerte einen Bruch, der einiges von den psychischen Energien deutlich macht, die sein Leben bestimmt haben. Leo Bauer hat sich im Verlauf seiner Jugendzeit vom Elternhaus, seiner jüdischen Religion und seiner ostjüdischen Tradition losgesagt und seitdem als Sozialist, Atheist und damit als Nicht-Jude begriffen, Es ist auffällig, auf welche Weise er diesen Teil seiner Biographie zeitlebens beiseite schob, so ab ob er belanglos sei.“
Beeinflußt von einem der sozialdemokratischen Partei angehörenden Lehrer trat Leo Bauer 1927, mit vierzehn Jahren, in die Sozialistische Arbeiterjugend ein, der Jugendorganisation der SPD, und geriet schnell in die Auseinandersetzungen der organisierten Arbeiterbewegung. Bald stand er auf dem äußersten linken Flügel, und trat 1932 zur KPD über. Bauer: „Zwei Grunde waren es, die mich reif für die Propaganda der Kommunisten machten – ihr scheinbar konsequenter Kampf gegen die Nazis und ihr begeistertes Eintreten für die soziale Revolution.“
Von Anfang an wurde er für die illegale Arbeit eingesetzt. Er arbeitete in der „Abwehr“ und war speziell auf Nazi-Agenten innerhalb der KPD angesetzt 1933, mit 21 Jahren, wurde er zum ersten Mal verhaftet, kam in eines der neugeschaffenen KZs und wurde mit Hilfe eines ehemaligen Schulfreundes, der der SA angehörte, wieder entlassen, Zweifel an der Taktik und den Zielen der KPD hatte für ihn immer vor dem Gefühl zurückgestanden, endlich eine richtige politische Heimat gefunden zu haben. „Ich litt für meinen Glauben, wie sollte ich zweifeln?“ hat er einmal gesagt,
Es folgten die Jahre der Emigration. Auf Befehl der Partei ging Bauer nach Prag, 1934 zog er nach Paris weiter. Beide Städte waren Zentralen der deutschen politischen Emigration. Nach dem Müchner Abkommen 1938 wurde Bauer wieder nach Prag geschickt. Ausgestattet mit der Autoritat eines Flüchtlingskommissars beim Völkerbund organisierte er Flüchtlingstransporte. Als strikter Verfechter der Parteiräson galt die Sorge Bauers zunächst den eigenen Parteigenossen. Aus jener Zeit stammen Vorwürfe und Anklagen solcher Flüchtlinge, die durch Bauen Büro handfest benachteiligt wurden.
1940 floh Bauer, nach einer abenteuerlichen Odyssee durch französische Internierungslager, in die Schweiz, nach Genf. Er lernte dort den amerikanischen Ex-Diplomaten und Völkerbundexperten Noel H. Fields kennen, einen Idealisten, der lange Jahre als amerikanischer Meisterspion galt, heute jedoch als ehrlicher Helfer im antifaschistischen Kampf beschrieben wird. Die Bekanntschaft mit ihm wurde für Bauer zu einem Schlüsselereignis und viele Jahre später zum Verhängnis, das er beinahe mit seinem Leben bezahlt hätte. Fields’ Chef war damals ein enger Mitarbeiter der von Allen W. Dulles geleiteten Europa-Zentrale des US-Nachrichtendienstes OSS.
Als Bauer 1945 nach Deutschland zurückkehrte, (hörte er zu den führenden Parteikadern, „der Typ eines sehr ehrgeizigen jungen KPD-Funktionärs“, erinnerte sich ein ehemaliger Genosse, „der ganz nach oben kommen möchte“. Voller Eifer nahm er in Hessen den Kampf für ein „antifaschistisch-demokratisches Deutschland“ auf, die sozialistische Einheit war das große Ziel. Doch die Kommunisten gerieten schon bald wieder in die demokraten die Einheitsdiskussion mit den Sozialdemokraten scheiterte. Trotzdem verlief Leo Bauers persönliche Karriere weiterhin erfolgversprechend. Er war zu jener Zeit einer der bekanntesten hessischen Politiker, allerdings auch einer, der schnell Mißtrauen weckte:
„Dabei dürfte wie in der Schweiz wiederum eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, daß Bauer dem gängigen Klischee eines kommunistischen Funktionärs so gar nicht entsprach; er kleidete sich sehr gut, gab sich selbstbewußt und weltoffen, fast weltmannisch und es machte ihm Vergnügen, Umgang mit Menschen aus verschiedenen Ländern, aus anderen Parteien und aus unterschiedlichen Klassen und Schichten zu pflegen, Diese Eigenschaften, die im Zusammenhang mit dem Leben im Exil in Frankreich und der Schweiz gesehen werden müssen, unterschieden Bauer ganz wesentlich von den meisten derjenigen deutschen kommunistischen Funktionäre, die in der Zeit des Nationalsozialismus vorwiegend in Moskau gelebt hatten und für die stellvertretend in der Öffentlichkeit Walter Ulbricht stand.“
Es hatte mit zu Bauers Aufgaben gehört, regelmäßig nach Berlin zum Zentralsekretariat der SED zu fahren, Bericht zu erstatten und Direktiven für die KPD in Hessen entgegenzunehmen. Ein Autounfall auf einer dieser Kurierreisen, bei dem er schwer verletzt wurde, beendete schon 1947 seine Karriere als Spitzenfunktionär der westdeutschen KPD. Bauer blieb in Berlin und wurde Chefredakteur des Deutschlandsender, dessen Programm der ideologischen Aufrüstung der Westzonen galt. Sehr bald geriet er in Konflikt mit dem ZK der SED. Seine politischen Auffassungen wurden ebenso kritisiert wie sein persönlicher Lebenswandel. Bauer tat das als „kleinliche Intrige“ Walter Ulbrichts ab, an eine Gefahr vermochte er nicht zu glauben – schon gar nicht an Unheil von seiner Partei, die ihm nach wie vor „der einzige Weg zu einem sinnvollen Leben schien“. „Bauer brauchte die Partei. Und noch brauchte die Partei ihn. Aber langsam lief schon ein Räderwerk an, das eine neue Art von Feinden produzierte, die es auszumerzen galt. Eine Art von ‚Ami-Käfern‘ in der Partei.“
1950 wurde Leo Bauer das Opfer einer Säuberungswelle, die in den osteuropäischen kommunistischen Parteien als Reaktion auf den Ausschluß Jugoslawiens aus der Komintern eingesetzt hatte. Ulbricht persönlich bezichtigte ihn, ein „Agent“ zu sein. Seine Bekanntschaft mit dem Amerikaner Fields, der in einem Budapester Schauprozeß verurteilt wurde, lieferte den Vorwand, In der Haft fabrizierte Bauer ein 150 Seiten langes Geständnis, in dem er nicht nur sich, sondern auch Freunde und Genossen bezichtigte. Von einem sowjetischen Militärtribunal wurde er zum Tode durch Erschießen verurteilt. Nach Stalins Tod wurde er zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Ostsibirien begnadigt. 1955 kehrte Bauer zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen, deren Freilassung Konrad Adenauer in Moskau ausgehandelt hatte, in die Bundesrepublik zurück. Er trat in die SPD ein und mußte sich auch innerhalb der Partei lange Jahre gegen den Vorwurf verteidigen, sein Wandel vom Kommunismus zur Sozialdemokratie sei nicht glaubwürdig genug.
Erst 1959 gelang es ihm, auch beruflich wieder Fuß zu fassen: Henri Nannen mit seiner Nase für das Opportune und Wesentliche bestellte ihn zum Berater des stern-Chefredakteurs: Welche Sternstunden erlebte der stern damals noch. Auch die SPD bediente sich seiner Erfahrungen mit dem kommunistischen Machtapparat 1967 wurde er im Auftrag des Partei-Vorstandes nach Italiengeschickt, um Kontakte zu den italienischen Kommunisten einzufädeln. 1969 nahm Willy Brandt den Alt-Kommunisten Leo Bauer als persönlichen Berater mit ins Kanzleramt – eine Entscheidung, die eine heftige Kampagne seiner Gegner auslöste. Sie habe ihn, so Willy Brandt in seinem Nachruf, „tiefer geschmerzt“, als er es zeigte. Er empfand sie als eine Erniedrigung der anderen, die ihre eigene Würde in der Verletzung preisgaben und mit ihr die selbstverständliche Menschlichkeit, die ihnen hätte sagen müssen, daß dieser Mann genug gelitten habe.
Was war an Leo Bauer so aufregend? In der Erinnerung aus seinen Hamburger Jahren bleibt er vor allem ein Mann, der unglaublich sensibel auf Menschen und politische Entwicklungen reagierte, „Er konnte durch seine Gespräche verunsichern, verwirren, zur Selbstbehauptung zwingen, zum Nachdenken und Überdenken bringen, er konnte mühelos beim anderen Schwachstellen aufspüren und, wenn er wollte, ihn oder sie in die Enge treiben.“
Er selber holte sich aus solchen Gesprächen das heraus, was er brauchte: „Bestätigung, Anerkennung und Sympathie.“ Dabei blieb er bis zu seinem Tode ein Renegat, dem es nicht gelang zu erklären, was ihm selber angetan wurde und was er anderen antat. Vielleicht ist das der einzige Vorwurf, den man seinen Autoren machen kann, Trocken und keusch wie akademische Sozialisten nun einmal sind, war Leo Bauer für sie vor allem der Zweck zum Mittel: Sie wollten Zeitgeschichte an einem individuellen Schicksal darstellen. Aber mit dem Kopf allein ist Leo Bauers schweres, qualvolles Leben nicht zu verstehen.